Als Kind las ich mal einen längeren Artikel über Banana Yoshimoto, der sie in höchsten Tönen lobte. Immer wieder, wenn ich ihren Namen irgendwo zufällig las, dachte ich daran, dass ich irgendwann mal ein Buch von ihr lesen sollte.
Dieses irgendwann war neulich. Da lieh ich mir nämlich das Buch “Hard Boiled Hard Luck” in der Bibliothek aus und kam nur bis Seite 27 (oder so). Und gab das Buch zurück.
Ich fasste mir ein Herz und startete einen neuen Versuch mit dem Buch “Tsugumi”. Jetzt bei der Hälfte angekommen, möchte ich auch dieses Buch zurückgeben, ohne es bis zum Ende gelesen zu haben.
Was ist passiert? Die Antwort ist ganz einfach: nämlich gar nichts.
Mit “Hard-boiled Hard Luck” konnte ich nichts anfangen. Es wollte einfach absolut keine Spannung aufkommen und die Versuche, der Geschichte langsam etwas unheimliches beizufügen, scheiterten an mir leider sehr kläglich. Ich weiß, dass ichs ja noch mit der zweiten Geschichte, “Hard Luck”, hätte versuchen können. Aber ich war so entsetzlich enttäuscht…
Und “Tsugumi”?
Ich habe bis jetzt noch nicht so ganz verstanden, worum es eigentlich geht. Geht es um das Leben der Ich-Erzählerin Maria? Dafür ist ihr Leben aber zu unspektaktulär. Sie wuchs an einem schönen Ort auf und lebt jetzt endlich mit ihrer ganzen Familie in Tokyo zusammen. Geht es um Tsugumi? Irgendwie ja schon, doch dafür erfahre ich zu wenig von ihrem Inneren. Was mich bis jetzt, also etwa bis zur Mitte des Buches, “drangehalten” hat, waren die Szenen, in denen Tsugumi tatsächlich sprach oder etwas tat. Was mich letztendlich aber dazu bewegt, das Buch endgültig wegzulegen, ist folgendes:
Die Autorin nimmt immer wieder alles vorweg. An sich finde ich das nicht schlimm, das kann immense Spannung erzeugen. Ein vorzeitiges Preisgeben von spärlichen Informationen kann unglaublich spannend sein, wie zum Beispiel in “Die Bücherdiebin” von Markus Zusak. Doch bei “Tsugumi” wird wirklich alles vorweggenommen. Es wird nichts gezeigt, ich als Leserin kann mir nur wenig Gedanken machen, habe nicht mal die leiseste Chance, eigene Schlüsse zu ziehen oder mir eine Szene einfach mal so wie sie ist anzuschauen. Die Ich-Erzählerin beschreibt einfach alles und dazu noch ihre umfangreichen Schlüsse dazu. Am allerschlimmsten empfand ich das, als Kyôuichi dazukam. Ein netter Jüngling. Noch bevor er überhaupt wirklich auftaucht, erfahre ich schon ausführlich, wer er ist und was seine Rolle in dem Buch sein wird. Noch bevor er überhaupt selbst irgendwelche Anzeichen gibt, erzählt die Ich-Erzählerin schon ausführlich, dass er in Tsugumi verliebt ist und sie in ihn, dass da mehr ist als nur eine spontane Liebelei, dass er mehr ist für Tsugumi als einer der Kerle, mit denen sie so gerne spielte. Was für eine tolle Liebe sie da spürt und wie schön das doch für Tsugumi ist. Er bleibt charakterlos, ein Niemand, der eigentlich völlig überflüssig ist, weil man einfach schon alles über ihn weiß. Dass er mal schwer krank war, und damit eine Ähnlichkeit zu Tsugumis Lebensgeschichte besteht, war ein gescheiterter Versuch, Sympathie für ihn aufkommen zu lassen.
Informationen, die (meiner Ansicht nach) wirklich wichtig gewesen wären, erhalte ich jedoch absolut nicht. An was für einer Krankheit leidet Tsugumi nun eigentlich? Man bekommt nur mit, dass sie schwach ist und häufig Fieber hat, und nicht lange leben würde. Dass ich nicht weiß, was für eine Krankheit das ist, und nur diese diffusen Symptome mitbekomme, lässt mich als Leser völlig außen vor. Ich soll begreifen, dass das alles sehr schlimm ist. Aber wie, wenn ich im Grunde nichts weiß? Tsugumis Krankheit bleibt für mich ein Klischee, ein “Irgendwas”, das ihrem Charakter eine gewisse Dramaturgie geben soll. Eine Begründung für ihr aufbrausendes Verhalten. Etwas, was für mich völlig ungreifbar und letztendlich unglaubwürdig bleibt. Dasselbe gilt übrigens auch für die namenlose Herzerkrankung Kyôuichis.
Irgendwie erwarte ich mehr. Ich möchte gefesselt und hingehalten werden, ich möchte nicht mit umfangreichen Schlussfolgerungen abgespeist werden, die mir den Spaß an jedem letzten Funken an aufkeimender Spannung verderben. Ich möchte selbst sehen, fühlen, rätseln. Ich möchte, dass die Autorin mir zeigt, was gerade geschieht, dass sie mich hinführt in Szenen, die ich selbst miterleben kann. Ich möchte keine unnötigen Abhandlungen darüber, wer wie fühlt und was genau passieren wird, was letztendlich die eigentlichen Situationen bedeutungslos und langweilig dastehen lässt. Ich will es sehen.
Das soll nicht heißen, diese Bücher seien schlecht, oder Banana Yoshimoto könne nicht schreiben. Ich scheine nur leider auf ihre Art zu schreiben absolut nicht anzuspringen. Das ist sehr schade, doch für mich steht sie erstmal nicht mehr auf der Noch-Lesen-Müssen-Liste.