Atemstehlend Minnemaid

Atemstehlend Minnemaid,
was straft Dein Fehlen mein Herz mit Wunden,
ich wünscht’, ich könnte bei Dir sein,
doch Deines Herzen Klang bleibt fern.

Ich bin nur ein reicher Prinz,
nur Gebieter über weite grüne Landen,
nur Herr dutzend mächtiger Heere,
doch bieten kann Dir mein Herz nicht viel.

Ich wünscht’, ich könnte Wärme Dir spenden,
Dein bangend Herz zum Lichte führ’n,
Dir Minne schenken, die Du innig spürst,
Doch kalt und klamm ist mein Tun.

Gelehrt wurde ich zu herrschen,
zu zerstören was meinen Zielen nicht beliebt,
zu sprechen mit Worten, hart wie Fels,
doch meinem Herzen weit blieb zarte Minne zu singen.

Atemstehlend Minnemaid,
wie sehr ich mich sehne nach Deines güld’nen Haares Duft,
verzeih mir meines Herzen kleines Sein,
verzeih die Härte, die meine rauen Hände tun.

Verzeih, dass ich nur der bin, der ich geworden bin.
Und nicht geben kann, was würdig Deines Herzens Güte.

Seine Lippen

Seine Lippen wärmten wenn sie erzählten,
von Schmerz und Liebe,
von Verlust und Wiedersehen,
von hinfortziehenden Vogelschwärmen,
wie sie den Winter hinter sich hertragen
mit kristallenen Fäden in ihren Flügeln.
Sie wärmten, wenn sie erzählten,
von fernen Orten am Ende dieser Welt,
jenseits des Horizonts,
von Bergen und Meeren,
von Orchideen in grünen Wäldern
und weißen Eisblumen auf pudrigen Fensterscheiben.
Seine Lippen wärmten wenn sie erzählten,
von einer Welt, die unseren Herzen Schwingen leiht,
und sie erzählten ohne ein einziges Wort.

Ascheaugen

Der schwere Rauch seiner kohlschwarzen Pfeife kratzte sich bissig in den dämmernden Himmel. Sein Bewusstsein wirkte hinfortgetragen.
“Wo gehst Du hin?”, fragte ich, seinem Rauch in die Ferne nachsinnend.
“Überall und nirgendwohin”, flüsterte er und atmete eine große Wolke übers Firmament. Schüchtern und vorsichtig hüllten die Wolken sich in pastellene Farbtöne. Farben wie verschwommene Früchte. Sein Schaukelstuhl knarzte leise über die taufeuchten Grashalme.
“Überall und nirgendwohin”, wiederholte ich und betrachtete seine aschgrauen Augen.
“Ich kann gehen wohin ich will”, sagte er, “Ohne diesen Stuhl zu verlassen. Ich kann hineintauchen wohin mir beliebt…”
Ich nickte stumm.
“…denn unzählige Welten drehen sich immerwährend in meinem Inneren. Ich brauche nur die Augen schließen.”
Er verdunkelte seine Ascheaugen. Alles, was in sie hineindrang, verbrannte in ihnen. Alles was er mit diesen trüben Tellern sah, verbrannte zu grauem Staub, der in sein Innerstes hineinwehte. Und die Wiesen und Wälder in seinem Geiste nährte und gedeihen ließ.Ich hörte Kraniche schreien. Ein metallenes Schreien und Schnattern, fast, als wären es die schweren Eisentore in seinem Kopf, die ich hörte, wie sie sich sanft öffneten und schlossen.

Irgendwann würde auch ich den Schlüssel finden.

Besuch von Herrn Fliege

Wurde mal wieder Zeit für ein kleines Geschichtchen (oder sowas ähnliches).

Stellt euch vor: Ich habe vorhin doch tatsächlich noch vor dem ersten Kaffee angefangen aufzuräumen. Ist heute der zweiunddreissigste dreizehnte oder so?
Aber darum geht’s hier nicht. Sondern um Folgends:
Nichtmal in Ruhe Kaffee trinken darf man hier. Wieso? Na…

“SSssssss…”

Da ist doch tatsächlich so ein kleiner Schnösel in meine Wohnung eingeflogen und stört. Und wie der beim Fliegen mit dem Hintern wackelt! Als wäre er noch jung und knackig undsozeugs.
Schnurstracks auf meine Nase will er. Ich haue mit einem Teelöffel nach ihm, treffe jedoch nicht, und er setzt sich auf den Monitor.
“Watt machssste da?”, fragt er, und streckt mir ein langes haariges Bein entgegen.
“Das könnte ich Sie genausogut fragen. Und behalten Sie Ihre Körperteile bitte bei sich.”
“Nee”, er lacht und reibt sich die Bartstoppeln.
“Du sssach ma, wieso zuckssste noch?”, fragt er grinsend. Ist das etwa eine Zahnlücke? Ich verziehe das Gesicht.
“Wie bitte?”

Er rollt mit den Glubschaugen, seufzt angestrengt und dreht sich auf den Rücken. Fauler Lump.

“Na, eben warste noch mausetot. Und zwar janz schön lange. Ick bin nur kurz raus für kleene Herren. Dann komm ick zurück und Du sitzt hier rum und kippst Dich voll mit so’m Fusel, der Deinen Geschmack total verhunzt.”

Ich wölbe eine Augenbraue und denke kurz nach. Das kann doch nicht sein Ernst…

“Und, darf ick?”
“Bitte was?”
“Na… anfangen.” Er streckt die Zunge heraus.
“Äh…”
“Also ‘n bisschen schwer von Begriff biste aber schon, wa?”
“Ist normal, so vor dem ersten Kaffee und so.” Höflich bleiben fällt mir zunehmend schwieriger.
“Najut, zujejeben, ich bin’s ooch nich jewohnt, dass meen Essen mit mir spricht. Scheint ein besonderer Tach zu sein heute, wa?”
“Sie meinen, außer, dass heute Sonntag ist?”
“Jenau.”
Ich zucke mit den Schultern und verwerfe den Gedanken, mit dem neben mir liegenden Hammer nach dem dicken Herrn zu schlagen. Den Monitor brauche ich noch. Den dicken Herren eher weniger. Ich fantasiere, wie er wohl aussähe, würde ich ihn mit Tesafilm fesseln und den Katzen zum Spielen hinwerfen.

“Biste Dir sicher, dasste noch lebst?”, fragt er und kneift seine Glubscher ein wenig zu.

“Aber natürlich lebe ich noch!!”

“Biste Dir wirklich sicher?”

Ich seufze und denke an Shakespeare. Sein oder nicht sein – das klärt sich für mich für gewöhnlich erst nach dem dritten Kaffee. Ob alte Fliegenherren sowas kapieren?
Öh, ich versuch’s erst gar nicht.

“Sowatt aber ooch…” Endlich dreht er seinen haarigen Bauch von mir weg.

“Könnten Sie jetzt bitte meine Wohnung verlassen?”, zische ich und nippe demonstrativ an meiner Kaffeetasse. Beschäftigt tun kann ich gut.

“Watt? Wieso das denn?”
“Weils meine ist?”
“Das isss keen Argument.”

Ich zögere kurz. “Doch. Hausrecht und sowas.”
Er scheint nachzudenken.
“Wie ooch immer, ick bin mir sicher, Du warst eben noch tot. Und Hunger hab ick immer noch.”
“Mir doch egal.”
“Na, halt wenigstens still, dauert ja nich lange.”
“Nö.”
“Doch, doch, ick bin nämlich der Meinung, Du tust nur so, als wärste nu doch nich tot. Wie dieses Bärtierchenzeug, nur andersrum.”  , brummt er und umschwirrt mein Gesicht.

IKEA-Kataloge sind hervorragend, um sich gegen aufdringliche Fliegenherren zur Wehr zu setzen. Eigentlich unfair, dass dieser kleine fette Flugmops fliegen kann und ich eher eine verdreifachte Erdgravitation unterm Hintern habe, doch ich behalte die Fassung.

Seufz.

Ich denke, ich werde ein Schild an meine Balkontür kleben mit der Aufschrift: “Ich bin nicht tot, ich hatte nur noch nicht genug Kaffee.” Ein bisschen wie Frau Wetterwachs von Terry Pratchett. Aber ob Herr Fliege überhaupt lesen kann? Ich überlege kurz. Verwerfe den Gedanken. Eine Tasse geht noch.

Ohne ein Geräusch

Beim Dateiensortieren habe ich einen Text gefunden, der schon ein paar Monate alt ist. Ich kann mich nicht erinnern, ob er fertig war, oder ob ich noch vor gehabt hatte, ihn weiterzuschreiben. Ich mag ihn und es wäre schade, würde er irgendwo in irgendeinem Ordner versauern. Da hier auf diesem Blog momentan eh nix los ist, kann ich ihn euch auch genauso gut zeigen. Achtung! Es ist nur ein Textchen, ein Kurzgeschichtchen, das NICHT auf wahren Begebenheiten beruht. 

Ihr Tod ist lange her. Wahrscheinlich zu lange, um sich heute noch zu beklagen. Wehmütig, ja nahe an tiefster Trauer schaue ich zurück auf dieses weiche, runde Antlitz. Auf aschblondes Haar, das golden im Sonnenlicht schimmerte. In jeder noch so schwachen Brise erinnerte es mich an Kornfelder, deren Ähren sich sanft im Winde wiegten. Tiefblaue Augen, die an den Himmel erinnerten, wenn er etwas klarer war.
Auch wenn ihr Äußeres mich an warme Sommernachmittage denken ließ, so war ihre Seele doch geprägt von dunklen Wolken. Schwere, graue Wolken, die sich täglich von neuem lichteten oder enger zusammenrückten. Undurchdringliche Schatten fielen an jenen, unerträglichen Tagen auf ihr Gemüt, und niemand konnte die Tore öffnen, die sich leise knarzend in ihrem Herzen schlossen und erst Tage, Wochen, Monate später wieder langsam Licht hindurchließen.

Sie bemühte sich immer um einen angenehmen Umgang, wich Konflikten aus und versuchte mit allen Mitteln, ihre Probleme nicht zu sehr an andere Menschen heranzutragen. Vor allem an den Tagen, an jenen graue Wolken in ihr hingen, war sie sehr still. Nie anschuldigend. Nie wütend. Immer gefasst. Das waren Tage, an denen ich furchtbar litt, war ich doch nie in der Lage, ihr nahe zu kommen. So nah, dass sie sich mir offenbaren konnte.

Wenn wir beieinander lagen, schien die Welt sich vorsichtiger zu drehen. Zum Fenster hinaus war es dann meistens schon sehr finster. Ich hörte ihr Herz schlagen und auch sie hörte meines. Manchmal legte sie ihr Ohr an meinen Brustkorb. Manchmal sagte sie, sie sei froh, hören zu können, wie mein Herz schlug. Ganz laut und deutlich. Und manchmal, ganz leise, flüsterte sie: “Manchmal, wenn alles grau ist in mir, kann ich es nicht hören. Dein Herz. Es ist eher eine ferne dumpfe Vibration, irgendwo weit weg. Als säße ich in einem gigantischen Blechsarg, und irgendwo am anderen Ende schlägt eine Motte mit ihren Flügeln gegen das rostige Metall. Ganz leise, fast nichtvorhanden, spüre ich, dass da etwas ist. Fernab von mir selbst. Doch ich höre es nicht.”
Irgendwann kam sie nicht mehr zurück aus ihrem grauen Blechsarg.
Und mein Herz wurde ganz leise.

Herrn Schutzgeists neues Hobby

Ich erzähl euch jetzt mal was von meinem Herrn Schutzgeist. Ich sage Geist, nicht Engel. Er hat mir nämlich erzählt, dass er ein Geist ist. Kein Engel. Er mag dieses religiöse Gedöns nicht so, und außerdem stehen ihm keine goldenen Heiligenscheine. Und er hat eine leichte Vogelfederallergie. Andere Schutzgeister schmeißen sich aber durchaus in die volle Engelsmontur, wenn ihr Schützling sich damit wohler fühlt oder einen klerikalen Fetisch hat.

“Nee, lass ruhig das flusige Federzeug weg”, hab ich ihm gesagt, “ist eh so eng hier und dann muss ich nicht so oft Staub saugen”. Fand er auch.

Mein Herr Schutzgeist hatte es nicht nicht immer leicht mit mir. Eigentlich war immer irgendwas. Und wenn mal nichts war, fiel ein paar frechen Stechinsekten ein, man könne ja mal ein Lüftungsloch mitten durch die Wand direkt in meine Küche fressen. Ich glaube, sie dachten, ich würde mich darüber freuen bei dem heißen Sommerwetter. Meine Freude hielt sich in Grenzen, aber ich bin ein wenig zurückhaltend.

Zugegeben, mein Herr Schutzgeist ist nicht immer der fleißigste, und es gab Zeiten, in denen er seiner Arbeit eher mit einem leisen Zähneknirschen nachging. Das sei normal, sagte er, wer passt schon gerne 24/7 auf so ‘nen Menschling auf? “Ich nich”, hab ich gesagt. Und er nur so: “Siehste.”

In letzter Zeit hatte er immer weniger zu tun. Auch das sei normal, murmelte er. Irgendwann ist so’n Schützling (wemauchimmerseidank) groß und macht weniger Dreck, den man hinterher wegräumen muss. Da war ich fast ein bisschen stolz. “Sie werden so schnell groß”, schluchzte er, und trocknete sich ein Tränchen mit meinem Rockzipfel. Dann fuchtelte er mit seinen Ärmchen herum, ich soll ihm mein Ohr hinhalten. Und dann erzählte er mir, dass er eine schöne Überraschung für mich hat.

Und weil ich eine Zeit lang damit beschäftigt sein werde und er dadurch weniger mit mir zu tun haben wird, hat er sich ein neues Hobby gesucht. Er hat nämlich seinen grünen Daumen entdeckt und wird nun ein paar Blümchen pflanzen gehen. Was er wohl im Winter macht, das werde ich ihn nochmal fragen müssen, wenn er wieder zu Besuch kommt. Ich muss auch noch herausfinden, wie man so verdammt lange einen ganzen grünen Daumen übersehen kann. (Vielleicht sollte er sich öfter die Hände waschen, bevor er zum Schmutzgeist wird, aber das behalte ich lieber für mich)

Er gab mir seine Handynummer, falls es bei mir brennt und er gerade Blumen gießt. Dann kann er gleich mit der Gießkanne kommen. Er ist eben praktisch veranlagt. Leider kann ich seine Schutzgeistsauklaue nicht lesen. Aber er meinte, er wird schon noch ab und zu nachschauen, ob ich noch atme. Das fand ich sehr nett von ihm.

Das mit der Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Bibliothek, in der ich das tolle Praktikum (“Von Fastfoodantworten und Menschen“) gemacht hatte, war aber wirklich eine schöne Überraschung.

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die sich die Finger verschwurbelt haben, um mir zu helfen. Vielen Dank an alle, die mir beistanden, mich trösteten und ihre Fühler ausstreckten, um Arbeitgeber für mich zu finden. Danke! 

Siddharta

Siddharta (A2, November 2010)
Rote und pinke Kreide, schwarzer Kohlestift, schwarzes Papier

Jenseits des Kitschs und der Extreme
ist im Buddhismus ein sehr wahrhaftiger,
für uns Menschen unermesslich wichtiger Kern verborgen,
den es zu entdecken und zu leben lohnt.
Davon bin ich überzeugt.
Der Buddhismus hat mich viel gelehrt.
Über Leid, Schmerz und Loslassen.
Loslassen, was einen schmerzt, gibt Frieden.
Den Frieden,  nach dem man sich sehnt, wenn man
das eigene Leid immer und immer wieder in sich hineinfrisst.
Das ist etwas, wozu man sich
immer
und
immer
wieder
selbst
entscheidet.

Weiße Vögel


Weiße Vögel (A2, Januar 2011)
Akryl, Wandfarbe, Spachtel, weißes Papier

Ich mag das Geräusch von flatterndem Gefieder.
Wenn große Vögel losfliegen, ganz viele.
Manchmal tanzt ein Mädchen durch die Finsternis.
Und dann öffnet sich eine Tür.

Milchkaffeekatze

Milchkaffeekatze (ca. 55 x 65 cm, November 2010)
Akryl, Wandfarbe, Spachtel, handgemachte Leinwand
Ich wollte einfach nur Spaß mit Cappucchino-Farben haben. Als mich jemand fragte, was ich da mache, antwortete ich: “Urlaub im Kopf” und genau das war es auch. Wir hatten viel Spaß, die Leinwand, der Spachtel, die Farbe und ich. Irgendwie verbinde ich Milchkaffee bzw. Cappucchino immer mit Katzen. Leider hat die Kamera die Farben ein wenig verfälscht.