Galileo-Beitrag bezgl. Asperger

Heute Abend gab es auf #Galileo einen Beitrag über Asperger Informatik aus Zürich, bzw. ein paar der Mitarbeiter dort, die das Asperger-Syndrom haben.
Ich weiß nicht, wie viele von euch diesen Beitrag gesehen haben, aber ein paar Sachen möchte ich klarstellen.
Nicht alle Menschen mit Asperger-Syndrom haben so großartige Hochbegabungen, wie der Beitrag es einen denken lassen könnte. Nicht alle sind so extrem unspontan, dass sie bei jeder Routinenänderung aggressiv oder panisch werden. Nicht alle müssen jeden Tag dasselbe essen und nicht allen sind die Gefühle der Menschen um sie herum egal.
Tatsächlich sind dies eher sehr deutliche “Eigenschaften” die so deutlich nur bei wenigen Aspies vorhanden sind.
Die Medien konzentrieren sich gerne auf die vermeintlichen “Superkräfte” und “Marotten”, die wir Autisten laut Klischee so haben. Natürlich will man Einschaltquoten, man will unterhalten, man will dem geneigten Zuschauer etwas bieten.
Leider sind wir, die normalen Autisten, die wir da draußen so unser Leben normal zu leben versuchen, dann diejenigen, die sich mit den so entstandenen Klischees und Vorurteilen herumschlagen müssen. Und so mancher Mensch lässt einen sprachlos zurück, wenn er uns an den Kopf wirft:

“Wieso, Du hast doch ‘ne Hochbegabung wie alle anderen auch und außerdem hab ich gegooglet und da steht, dass Asperger ihr Leben genauso hinkriegen wie alle Menschen, also reiß Dich zusammen und benimm Dich endlich wie ein Mensch! Und außerdem lief da doch neulich dieser Beitrag auf…”

Autismustag 2011 in Potsdam Teil 2

Hier nun wie versprochen Teil 2 meiner Eindrücke und Gedanken zum 3. Autismustag 2011 im Oberlinhaus in Potsdam. Den ersten Teil übersehen? Hier geht’s zu Teil 1

12:00 Uhr – Hajo Seng, Asperger-Autist, Vorstandsvorsitzender autWorker eG, Hamburg
“Autisten – Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt”
autWorker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitgeber über die Fähigkeiten von Autisten aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Arbeitssuchende Autisten werden beraten und in geeignete Arbeitsplätze vermittelt.
Herr Seng ist ein ruhiger, sympathischer Mann mit einem markanten Gesicht und einer sehr angenehmen Art zu sprechen. Ich war erstaunt über seine Ehrlichkeit: Anhand eigener Interessen und Lebenserfahrungen erläuterte er sehr anschaulich, wie so eine Lebensgeschichte eines Autisten aussehn kann, und dass es eben nicht immer nur die Defizite sind, die einen Autisten zum Autisten machen, sondern auch sehr nützliche Fähigkeiten und ungewöhnlich umfangreiches Wissen.
Viele Autisten sind mit der Jobsuche überfordert, oder tun sich sehr schwer, Arbeitgeber im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs von sich zu überzeugen. Oder sie ”eiern” von einem Job zum nächsten, weil sie aufgrund der fehlenden Feinheiten im sozialen Umgang mit den Kollegen von vorneherein nicht angenommen - oder sehr bald nach der Einstellung wieder ausgesondert - werden.
Das Besondere, und für mich absolut Geniale an Hajo Sengs Vortrag war die “ganzheitliche” Ansicht auf Autisten und ihr Umfeld. Es sind nicht nur die Autisten, die ihre “Defizite” wegzaubern und sich verbiegen sollen, um allen Anforderungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Mitmenschen können und sollten umdenken. Denn nicht alles, was im Umgang mit anderen Menschen als normal angesehen wird, ist gleichzeitig auch wirklich so zwingend notwendig, dass man auf die speziellen Fähigkeiten einiger Autisten verzichten muss.
Und viele scheinbaren “Schwächen” können im richigen Umfeld von großem Nutzen sein.
Herr Seng hat mich davon überzeugt, dass hinter autWorker sehr gescheite Menschen mit optimalen Denkansätzen sitzen, die definitiv wissen, wovon sie reden.

13:00 Uhr – Fröhliches Schlangestehen im Café
Was tut man nicht alles für ein bisschen Kuchen…

14:00 Uhr – Katja Carstensen, Asperger-Autistin, Autorin, Detold
“Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein”
Ich hatte die letzten Wochen überlegt, ob und welche Bücher über Autismus und Asperger-Syndrom ich mir eigentlich zulegen möchte. Dabei stieß ich auch auf Bücher von Frau Carstensen, und da sie, so ganz zufällig, auch diesen Vortrag halten würde, entschied ich mich, meine Entscheidung vom Autismustag abhängig zu machen.
Frau Carstensens Vortrag bestand aus abwechselnden Passagen aus ihren beiden Büchern “Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein” und “Die kleine Spinne”. Letzteres ist eine gar zuckersüße Geschichte über eine autistische Spinne, die einen Hirschkäfer mit ihren Fragen in den Wahnsinn treibt. Definitiv etwas für die Wunschliste.
Der Inhalt war generell sehr interessant und informativ, ohne zu trocken zu werden. Frau Carstensen gab zahlreiche Fallbeispiele für alltägliche Situationen, und die entsprechend unterschiedliche Wahrnehmung und Denkweise eines autistischen Menschen bzw. auch dessen nicht-autistischen Partners. Zentrale Aussage war, dass klar kommuniziert werden muss, wer was wie empfindet und gemeint hat. Was übrigens auch nützlich für Menschen ist, die nichts mit Autismus zu tun haben. Zu einfach verrennt man sich in völlig unnötig kräftezehrende Interpretationen, Missverständnisse und Kränkungen, die alle nicht sein müssten, würde man von vorneherein Klartext reden.
Das Schwierige bei so einem Vortrag ist, dass viele Menschen von einem Beispiel auf alle Autisten schließen. Was leider auch diverse Kommetare der Zuschauer bewiesen hatten…

15:00 Uhr – Martina Reinke, Vorsitzende des Landesverbandes Autismus Brandenburg, Mutter eines 15-jährigen Sohnes mit frühkindlichem Autismus
“15 Jahre mit meinem Sohn, unsere Erfolge und Misserfolge”
Frau Reinke erzählte von den Wegen, die sie mit ihrem Sohn gehen musste, bis sie die Diagnose erhielt, und wie sie nach langem Hin und Her die dringend nötige Finanzierung für eine spezielle Schule erhielt. So hatte man sie zuerst mehrfach bestärkt, sich für diese Schule zu entscheiden, und am Tag der Einschulung ihres Sohnes bekam sie den Bescheid, die Fahrtkosten würden nicht übernommen. Es war sehr interessant, und an vielen Stellen konnte man einfach nur mit dem Kopf schütteln über die unnötigen Schwierigkeiten, die diverse Ämter ihr bereitet haben.
Sehr schön fand ich, dass sie sagte, ihr Sohn ist ein sehr glückliches Kind. Eine sehr wichtige Aussage von ihr möchte ich Euch nicht vorenthalten:
“Ihr Kind kann nur so stark sein, wie Sie selber sind!”

16:30 Uhr
Astrid Maria Robbers, langjährige Erfahrungen mit Autismus und ADHS, Osnabrück
Carsten Donath, Asperger-Autist, ADHSler, Potsdam
“Ein überraschendes Zwiegespräch: ADHS und Autismus – zwei ineinander übergehende Spektren”
Frau Robbers ist eine sympathische junge Frau mit einem frechen Kurzhaarschnitt. Herrn Donath hatte ich ja bereits vor der Eröffnung der Kunstausstellung kennen gelernt. Ein freundlicher, extrovertierter Mann mit klugen Augen.
Die beiden erläuterten sehr anschaulich verschiedene Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Autismus und ADHS gleichermaßen auftreten. Die erwähnten Beispiele waren keine bahnbrechenden Neuigkeiten, sie in diesem Zusammenhang zu sehen empfand ich doch als sehr interessant. Es hat mir großen Spaß gemacht, Frau Robbers und Herrn Donath zuzuhören und ich fand es äußerst schade, dass so ein massiver Zeitmangel dazu führte, dass viele wichtige Bereiche unbesprochen blieben.

Autisten können manchmal schon auch anstrengend sein. Ein echt böööses Scherzchen, über das ich sehr lachen musste (Achtung, Sarkasmus!!):
“Ist es eigentlich Notwehr, wenn man einen Autisten erschlägt?”

17:15 Uhr – Rainer Döhle, Asperger-Autist, Übersetzer, Berlin
Herr Döhle wirkt ein wenig schüchtern, man sollte ihn und seine Fähigkeiten jedoch nicht unterschätzen. Er hat bereits tausende Texte für Wikipedia recherchiert und geschrieben und ist als Übersetzer tätig. “Risse im Universum” ist ein von Autisten herausgegebenes, autobiografisches Buch, in dem Asperger-Autisten von Fehlschlägen, Erfolgen und Erfahrungen aus ihrem Leben erzählen. Die Ausschnitte, die Herr Döhle vorlas, waren interessant, teilweise witzig, und definitiv kurzweilig. Dankbar war ich auch für die Aussage (man kann es gar nicht oft genug sagen), dass Autisten keine “Fälle” oder ”Opfer” sind, die dringend einer “Heilung” bedürften.

Und zum Schluss noch …
Ich finde, es hat sich definitiv gelohnt, dort hingefahren zu sein. Der Fokus war nicht nur auf die Probleme geplagter Eltern gerichtet, sondern vor allem auf die Sicht- und Denkweise, sowie auch die Wahrnehmung von Autisten. Das war auf dieser Veranstaltung ein sehr großes und umfangreich behandeltes Thema, was mir persönlich sehr am Herzen lag. Wie will man jemandem helfen, den man nicht versteht? Man sollte mit offenen Augen und Ohren durch die Welt schreiten, und diese Veranstaltung war ein großer Beitrag dazu, dass ein Teil dieser Welt ein bisschen besser verstanden wird.

Autismustag 2011 in Potsdam Teil 1

Am 2. April 2011 (gestern, höhö) fand der 3. Autismustag im Oberlinhaus in Potsdam statt, und natürlich hat auch ein Krümel was zu sagen, obwohl er kein Kuchen ist. Und so. 

Erwähnenswert wäre da noch der nette Herr vom Realitätsfilter, ohne den dieser anstrengende Tag mich vermutlich schon viel früher zerschossen hätte. Ganz großartiger Blog übrigens. 

9:00 Uhr – Eröffnung der Kunstausstellung “Immer innen – auch Außen” 

Hawk und ich wurden bereits vor 9 Uhr von Carsten Donath in die Kunstausstellung geführt, wo wir uns die Fotografien und Bilder in Ruhe ansehen konnten. Ich war sehr froh darüber, dass wir dies alleine tun konnten, vor dem großen Ansturm der zahlreichen Gäste und der Eröffnungsrede. Die Räumlichkeiten, in denen die Kunstausstellung stattfand, hallten sehr merkwürdig und unangenehm den Schall zurück, sodass ich nach Eintreffen der anderen Menschen die Gemälde nur noch genauer anschauen konnte, wenn ich mir die Ohren zuhielt. Die Fotos und Gemälde waren allesamt sehr schön und ich war sehr positiv überrascht davon, dass sie mir alle so gefielen. 
Christine Denk macht sehr atmosphärische Fotografien, die alle eine kleine Geschichte zu erzählen scheinen. Unweigerlich muss ich mich fragen, was das wohl für eine Situation war, die da eingefangen wurde. Wer die Menschen sind, die darauf zu sehen sind, und welche Schicksalsfügungen wohl dazu geführt haben, dass Frau Denk ausgerechnet in jenem Moment den Auslöserknopf drückte. Ich mag die Bilder vor dem zerbrochenen Spiegel!
Ich bin ganz schockiert, wie viel so eine Fotokamera die Essenz eines Gemäldes endgültig wegfressen kann. Ich hatte die Gemälde von Anna Trubel nämlich völlig unterschätzt. Als ich dann vor ihren Bildern stand, war ich umso begeisterter: Frau Trubel hat einen faszinierenden Pinselduktus, in dessen sanfter Ungleichmäßigkeit man sich verlieren könnte. Ihre Bilder haben etwas nachdenkliches, und doch sind sie in sehr intensiven, leuchtenden Farben gehalten. Es war schwer, meine Augen von ihren Bildern abzuwenden.

Ich muss sagen: Ich war tatsächlich sehr skeptisch bezüglich der gesamten Veranstaltung. Nun ist es ja leider so, dass das Thema “Autismus” sich sehr häufig ganz allgemein an (völlig schockierte, verschreckte) Eltern richtet, die mit der Andersartigkeit ihrer autistischen Kinder völlig überfordert sind und den Autismus als eine ganz furchtbare Krankheit ansehen. Es ist immer noch sehr viel Aufklärung von Nöten. 

9:45 Uhr – Eröffnung des Symposiums anlässlich des Weltautismustages durch Thomas Barta (Leiter d. Abteilung Gesundheit, Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg)
Um ehrlich zu sein, seine Eröffnungsrede hatte meinen anfänglichen Verdacht zuerst bestärkt. Nun kann ich definitiv nicht leugnen, dass die Lebenswege, die Autisten bzw. ihre Eltern beschreiten (müssen), oft sehr schwierig sind, doch Herr Bartas Rede ließ das Gefühl aufkommen, wir hätten es hier mit einer schweren “Krankheit” zu tun. Ich bin mir nicht sicher, ob es sonderlich hilfreich ist, eine solche Veranstaltung mit einer so einseitigen, eher ins Negative abrutschenden, Rede zu beginnen. Zumal man auch beachten sollte, dass viele Menschen leider viel zu kritiklos mit den Gesprächsfetzen umgehen, die sie so mal eben erhaschen.

10:00 Uhr – Paul und Katja Kötz, Asperger-Autist und seine Mutter: “Ich gehe meinen Weg”
Der Vortrag der Mutter über die Geburt und Kindheit ihres Sohnes war sehr langatmig und die meiste Zeit hatten wir uns gefragt, was das alles eigentlich mit dem Autismus ihres Sohnes zu tun hatte. Und ob es wirklich so notwendig war, haarklein zu erörtern, wie das Knäblein die Hebamme bepinkelte, wie es Husten und andere Kinderkrankheiten hatte, und dass es gern mit Autos spielte, vom Klettergerüst fiel und sich Beulen zuzog, die erste Zigarette… Dies mag ja für Eltern, und vermutlich auch noch für nahe Verwandte des Knaben gar entzückend sein. Nun frage ich mich aber, was das alles in einem Vortrag zum Thema Autismus am Autismustag 2011 in Potsdam zu suchen hat? 
Sehr dankbar war ich durch die Zwischenkommentare des mittlerweile 20-jährigen Pauls. Er ist ein sympathischer junger Mann mit einem Otaku-T-Shirt, einem netten Lächeln und einer sehr angenehmen, sogar sehr spontanen Sprechweise. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wieso man nicht einfach Paul selbst das Sprechen überließ. Er hätte das alles viel lockerer und vor allem interessanter rüberbringen können. 
Es gab auch einige Unstimmigkeiten zwischen den Aussagen der Mutter und der Wahrnehmung ihres Sohnes. So hatte sie erst lang und breit erläutert, der damals 8-jährige Paul hätte bezüglich des Schulwegs gelernt, nur mit einer bestimmten Buslinie zu fahren, und wäre aufgrund seines Autismus nicht in der Lage gewesen, andere Buslinien zu fahren. Paul selbst erklärte das wie folgt: Er hätte bewusst nur diese eine Linie gewählt, weil in ihr die Sitze moderner, sauberer und bequemer waren. Aha! 
Die eigentlichen Schwierigkeiten und Probleme, die er aufgrund seines Autismus gehabt hatte, wurden nicht näher erläutert. 
Der Titel des Vortrags war “Ich gehe meinen Weg”. Nun, wieso hat man das “Ich” namens Paul dann nicht einfach über seinen Weg sprechen lassen? 
Sehr, sehr schade. 

11:00 Uhr – Johannes F. W. Drischel, Autist und Synästhetiker
Herr Drischel ist ein total sympathischer Mann mit einem goldigen Humor. Er stellte sein Stressbewältigungskonzept namens “emoflex” vor. Ich hatte es bisher nicht groß beachtet, da ich gegenüber “neuartigen Konzepten” im Allgemeinen erstmal sehr skeptisch bin. Häufig wird einfach nur irgendetwas fernöstliches abgespeckt und unter einem modern oder geheimnisvoll klingenden Namen neu “vermarktet”. 
Herr Drischel hat mir mit seinem Vortrag definitiv bewiesen, dass seinem “emoflex” ein eigenständiges und sehr stimmiges Konzept ist, mit einigen sehr interessanten zugrundeliegenden Gedanken über REM-Schlaf, die Notwendigkeit des Träumens und die oft davon abhängige emotionale Bewältigung von Stress und Überforderung. Auch seine Abschweifungen in die Wahrnehmung von Autisten, wie zum Beispiel, dass störende Geräusche bzw. Außeneinflüsse ähnlich wahrgenommen werden wie “soziale” Situationen bzw. Ansprachen; oder auch, dass die Beschäftigung mit Sachthemen (bzw. auch Hyperfokus) für den Autisten eine emotionale Stabilität herstellt. 
Was ich (selbst auch Synästhetikerin) sehr spannend finde, ist, dass Herr Drischel auch die Synästhesie mit in sein Konzept einbezieht. So wird für Stress, unangenehme Emotionen und Angst ein Formbegriff erarbeitet. Das diffuse Gefühl wird genau benannt in Form, Farbe, Beschaffenheit. Es wird besser greifbar. 

Ich habe bereits Herrn Drischels goldigen Humor erwähnt, hier mal ein Glanzstück seiner Späße:
“Wenn ich das Kaninchen dazu bringe, an der Schlange vorbei zu schauen, dann hab’ ich ein cooles Kaninchen.”

Teil 2 folgt zeitnah…