autWorker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitgeber über die Fähigkeiten von Autisten aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Arbeitssuchende Autisten werden beraten und in geeignete Arbeitsplätze vermittelt.
Herr Seng ist ein ruhiger, sympathischer Mann mit einem markanten Gesicht und einer sehr angenehmen Art zu sprechen. Ich war erstaunt über seine Ehrlichkeit: Anhand eigener Interessen und Lebenserfahrungen erläuterte er sehr anschaulich, wie so eine Lebensgeschichte eines Autisten aussehn kann, und dass es eben nicht immer nur die Defizite sind, die einen Autisten zum Autisten machen, sondern auch sehr nützliche Fähigkeiten und ungewöhnlich umfangreiches Wissen.
Viele Autisten sind mit der Jobsuche überfordert, oder tun sich sehr schwer, Arbeitgeber im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs von sich zu überzeugen. Oder sie ”eiern” von einem Job zum nächsten, weil sie aufgrund der fehlenden Feinheiten im sozialen Umgang mit den Kollegen von vorneherein nicht angenommen - oder sehr bald nach der Einstellung wieder ausgesondert - werden.
Das Besondere, und für mich absolut Geniale an Hajo Sengs Vortrag war die “ganzheitliche” Ansicht auf Autisten und ihr Umfeld. Es sind nicht nur die Autisten, die ihre “Defizite” wegzaubern und sich verbiegen sollen, um allen Anforderungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Mitmenschen können und sollten umdenken. Denn nicht alles, was im Umgang mit anderen Menschen als normal angesehen wird, ist gleichzeitig auch wirklich so zwingend notwendig, dass man auf die speziellen Fähigkeiten einiger Autisten verzichten muss.
Und viele scheinbaren “Schwächen” können im richigen Umfeld von großem Nutzen sein.
Herr Seng hat mich davon überzeugt, dass hinter autWorker sehr gescheite Menschen mit optimalen Denkansätzen sitzen, die definitiv wissen, wovon sie reden.
13:00 Uhr – Fröhliches Schlangestehen im Café
Was tut man nicht alles für ein bisschen Kuchen…
14:00 Uhr – Katja Carstensen, Asperger-Autistin, Autorin, Detold
“Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein”
Ich hatte die letzten Wochen überlegt, ob und welche Bücher über Autismus und Asperger-Syndrom ich mir eigentlich zulegen möchte. Dabei stieß ich auch auf Bücher von Frau Carstensen, und da sie, so ganz zufällig, auch diesen Vortrag halten würde, entschied ich mich, meine Entscheidung vom Autismustag abhängig zu machen.
Der Inhalt war generell sehr interessant und informativ, ohne zu trocken zu werden. Frau Carstensen gab zahlreiche Fallbeispiele für alltägliche Situationen, und die entsprechend unterschiedliche Wahrnehmung und Denkweise eines autistischen Menschen bzw. auch dessen nicht-autistischen Partners. Zentrale Aussage war, dass klar kommuniziert werden muss, wer was wie empfindet und gemeint hat. Was übrigens auch nützlich für Menschen ist, die nichts mit Autismus zu tun haben. Zu einfach verrennt man sich in völlig unnötig kräftezehrende Interpretationen, Missverständnisse und Kränkungen, die alle nicht sein müssten, würde man von vorneherein Klartext reden.
Das Schwierige bei so einem Vortrag ist, dass viele Menschen von einem Beispiel auf alle Autisten schließen. Was leider auch diverse Kommetare der Zuschauer bewiesen hatten…
15:00 Uhr – Martina Reinke, Vorsitzende des Landesverbandes Autismus Brandenburg, Mutter eines 15-jährigen Sohnes mit frühkindlichem Autismus
“15 Jahre mit meinem Sohn, unsere Erfolge und Misserfolge”
Frau Reinke erzählte von den Wegen, die sie mit ihrem Sohn gehen musste, bis sie die Diagnose erhielt, und wie sie nach langem Hin und Her die dringend nötige Finanzierung für eine spezielle Schule erhielt. So hatte man sie zuerst mehrfach bestärkt, sich für diese Schule zu entscheiden, und am Tag der Einschulung ihres Sohnes bekam sie den Bescheid, die Fahrtkosten würden nicht übernommen. Es war sehr interessant, und an vielen Stellen konnte man einfach nur mit dem Kopf schütteln über die unnötigen Schwierigkeiten, die diverse Ämter ihr bereitet haben.
Sehr schön fand ich, dass sie sagte, ihr Sohn ist ein sehr glückliches Kind. Eine sehr wichtige Aussage von ihr möchte ich Euch nicht vorenthalten:
“Ihr Kind kann nur so stark sein, wie Sie selber sind!”
16:30 Uhr
Astrid Maria Robbers, langjährige Erfahrungen mit Autismus und ADHS, Osnabrück
Carsten Donath, Asperger-Autist, ADHSler, Potsdam
“Ein überraschendes Zwiegespräch: ADHS und Autismus – zwei ineinander übergehende Spektren”
Frau Robbers ist eine sympathische junge Frau mit einem frechen Kurzhaarschnitt. Herrn Donath hatte ich ja bereits vor der Eröffnung der Kunstausstellung kennen gelernt. Ein freundlicher, extrovertierter Mann mit klugen Augen.
Die beiden erläuterten sehr anschaulich verschiedene Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Autismus und ADHS gleichermaßen auftreten. Die erwähnten Beispiele waren keine bahnbrechenden Neuigkeiten, sie in diesem Zusammenhang zu sehen empfand ich doch als sehr interessant. Es hat mir großen Spaß gemacht, Frau Robbers und Herrn Donath zuzuhören und ich fand es äußerst schade, dass so ein massiver Zeitmangel dazu führte, dass viele wichtige Bereiche unbesprochen blieben.
Autisten können manchmal schon auch anstrengend sein. Ein echt böööses Scherzchen, über das ich sehr lachen musste (Achtung, Sarkasmus!!):
“Ist es eigentlich Notwehr, wenn man einen Autisten erschlägt?”
17:15 Uhr – Rainer Döhle, Asperger-Autist, Übersetzer, Berlin
Herr Döhle wirkt ein wenig schüchtern, man sollte ihn und seine Fähigkeiten jedoch nicht unterschätzen. Er hat bereits tausende Texte für Wikipedia recherchiert und geschrieben und ist als Übersetzer tätig.
“Risse im Universum” ist ein von Autisten herausgegebenes, autobiografisches Buch, in dem Asperger-Autisten von Fehlschlägen, Erfolgen und Erfahrungen aus ihrem Leben erzählen. Die Ausschnitte, die Herr Döhle vorlas, waren interessant, teilweise witzig, und definitiv kurzweilig. Dankbar war ich auch für die Aussage (man kann es gar nicht oft genug sagen), dass Autisten keine “Fälle” oder ”Opfer” sind, die dringend einer “Heilung” bedürften.
Und zum Schluss noch …
Ich finde, es hat sich definitiv gelohnt, dort hingefahren zu sein. Der Fokus war nicht nur auf die Probleme geplagter Eltern gerichtet, sondern vor allem auf die Sicht- und Denkweise, sowie auch die Wahrnehmung von Autisten. Das war auf dieser Veranstaltung ein sehr großes und umfangreich behandeltes Thema, was mir persönlich sehr am Herzen lag. Wie will man jemandem helfen, den man nicht versteht? Man sollte mit offenen Augen und Ohren durch die Welt schreiten, und diese Veranstaltung war ein großer Beitrag dazu, dass ein Teil dieser Welt ein bisschen besser verstanden wird.