Galileo-Beitrag bezgl. Asperger

Heute Abend gab es auf #Galileo einen Beitrag über Asperger Informatik aus Zürich, bzw. ein paar der Mitarbeiter dort, die das Asperger-Syndrom haben.
Ich weiß nicht, wie viele von euch diesen Beitrag gesehen haben, aber ein paar Sachen möchte ich klarstellen.
Nicht alle Menschen mit Asperger-Syndrom haben so großartige Hochbegabungen, wie der Beitrag es einen denken lassen könnte. Nicht alle sind so extrem unspontan, dass sie bei jeder Routinenänderung aggressiv oder panisch werden. Nicht alle müssen jeden Tag dasselbe essen und nicht allen sind die Gefühle der Menschen um sie herum egal.
Tatsächlich sind dies eher sehr deutliche “Eigenschaften” die so deutlich nur bei wenigen Aspies vorhanden sind.
Die Medien konzentrieren sich gerne auf die vermeintlichen “Superkräfte” und “Marotten”, die wir Autisten laut Klischee so haben. Natürlich will man Einschaltquoten, man will unterhalten, man will dem geneigten Zuschauer etwas bieten.
Leider sind wir, die normalen Autisten, die wir da draußen so unser Leben normal zu leben versuchen, dann diejenigen, die sich mit den so entstandenen Klischees und Vorurteilen herumschlagen müssen. Und so mancher Mensch lässt einen sprachlos zurück, wenn er uns an den Kopf wirft:

“Wieso, Du hast doch ‘ne Hochbegabung wie alle anderen auch und außerdem hab ich gegooglet und da steht, dass Asperger ihr Leben genauso hinkriegen wie alle Menschen, also reiß Dich zusammen und benimm Dich endlich wie ein Mensch! Und außerdem lief da doch neulich dieser Beitrag auf…”

Das schlechte Kind

Irgendwann, da war ich mal ein Kind.

“Hör auf, bockig und trotzig zu sein und antworte mir gefälligst endlich!”

“Liegst Du schon wieder auf dem Boden?”

“Hock nicht ständig in der Wohnung herum und geh mit den Kindern spielen.”

“Ach, die ist doch bloß wieder zickig.”

Irgendwann einmal, als ich ein Kind war, gab es so vieles, was ich nicht verstand. Am allerwenigsten verstand ich mich selbst und was gut für mich war. Und warum man mir immer, immer wieder solche Dinge sagte. Alles hatte seine Gründe. Ich wünschte, ich hätte die Worte gehabt, zu erklären, warum ich so war wie ich war. Warum ich etwas tat oder nicht tat. Doch ich konnte nicht in Worte fassen, nicht beschreiben, was mit mir los war. Ich wünschte, ich hätte damals schon die Worte gehabt, die ich heute habe. Ich wünschte, ich hätte sagen können: Liebe große Leute, es gibt so vieles, das ihr nicht versteht.

“Hör auf, bockig und trotzig zu sein und antworte mir gefälligst endlich!”
Ich will nicht bockig sein. Ich will nicht trotzig sein. Ich kann nicht antworten. Mir ist alles zuviel geworden. Ich finde keine Worte mehr. Ich kann nicht mehr klar denken. Alles hat sich verschoben, verdreht, ist versunken, verschwunden. Ich finde keine Worte mehr. Sie sind weg, nicht da. Alles ist weg. Ich will Stille.

“Liegst Du schon wieder auf dem Boden?”
Es ist alles so viel, weißt Du? So entsetzlich viel. Als Kind lag ich immer gern auf dem Boden. Es hatte etwas entspannendes. Auf dem Boden liegen und meine Lieblingsmusik hören. Die Musik, die ich damals als Kind immer hörte. Immer, wenn ich Ruhe brauchte, immer, wenn ich Schlaf brauchte. Und dann, wenn ich mich beruhigt hatte, zeichnete ich. Mit meinen kleinen Händen übte ich, Menschen zu zeichnen. Übte Gesichter, Augen, Nasen, Münder, Hände und Füße. Und ich übte, zu zeichnen, dass ihr Lächeln echt aussieht.

“Hock nicht ständig in der Wohnung herum und geh mit den Kindern spielen.”
Ich will nicht zu den anderen Kindern. Sie sind so laut und schnell. Sie sagen so viele Dinge, die ich nicht verstehe. So viele Dinge, die ich nicht hören will. Sie machen sich lustig über mich. Sie finden es witzig, dass ich nicht schnell genug verbal kontern kann. Sie finden es schön, dass mir die Worte fehlen. Denn so haben sie gewonnen. Immer.

“Ach, die ist doch bloß wieder zickig.”
Ich will nicht zickig sein. Ich will meine Ruhe. Ich hab keine Kraft mehr, ich bin überfordert. Mir ist alles zuviel geworden. Ich kann nicht mehr. Ich muss weinen, mir kommen gleich die Tränen. Ich muss irgendetwas sagen, damit ihr aufhört, weiter mit mir zu reden. Ich muss irgendetwas tun, damit ich flüchten kann. Ich muss weg. Ich will nicht, dass ihr meine Tränen seht. Denn wenn ich weine, sagt ihr nur wieder, es gäbe keinen Grund und ich solle aufhören.

“Mach jetz endlich die Tür auf und geh aus dem Bad raus, ich brauche xyz!”
Ich will nicht aufmachen. Ich will hier nicht raus. Ich will nicht, dass Du reinkommst. Ich will nichts sehen, nichts hören. Ich will Ruhe, ich will, dass die Tränen aufhören zu fließen. Die großen Leute, sie sind alle so laut da draußen, das ist alles so laut. Ich will nicht ständig lächeln müssen, ich will nicht ständig reden müssen, ich will nicht, dass mir ständig Fragen gestellt werden. Ich will nicht auf die Kinder fremder großer Leute aufpassen, nur weil die bei uns zu Besuch sind. Ich will meine Ruhe. Ich will tun, was ich immer tue. Ich will, dass das alles aufhört. Der leicht muffig riechende, rosa Badezimmerteppich gibt mir Sicherheit.
Ich will ihn nicht loslassen.
Ich will ihn nicht loslassen.
Ich will ihn nicht loslassen.
Nein, bitte, mach das Licht nicht an!

Ja, wirklich, ich wünschte, ich hätte sagen können:
Liebe große Leute, es gibt so vieles, das ihr nicht versteht.
Aber große Leute haben immer Recht. 

Das Trinkhalmtrauma

Was passiert, wenn zwei Autisten sich zusammenhocken? Interessante Gespräche, Spaß, doch  ab und zu auch ziemlich absurde Missverständnisse. Vor allem, wenn der eine zu Sarkasmus neigt und der andere, nunja, ganz uncool nicht immer alles rafft.

Wir waren auf dem Weg zu einer Lesung vom @vergraemer, aber natürlich zu früh dran. Wir ließen uns Zeit und hopsten unterwegs noch schnell bei B*rger K*ng vorbei, um uns Cola zu holen.  Ich wollte nett sein und steckte meinem Kollegen einen Trinkhalm in den Becher. Er sagte sinngemäß, er wolle den nicht mehr, weil ich ihn bereits berührt hatte. Ich entschuldigte mich aufrichtig. Er antwortete, er benutze ihn jetzt aber trotzdem. Ich war irritiert, dachte aber nicht weiter drüber nach.

Manchmal trinke ich bei BK eine Cola, wegen den Eiswürfeln. Und es kommt wie es kommen muss: Ein paar Tage später stehe ich wieder in einer Filiale von BK und kaufe eine Cola.  Ich berühre die Trinkhalme, und erinnere mich daran, dass ich den Trinkhalm meines Kollegen berührt hatte. Und habe ein schlechtes Gewissen. Irgendwann stehe ich wieder in der Filiale. Und habe wieder ein schlechtes Gewissen. Ich trinke Kakao, rühre ihn mit dem Trinkhalm um, und habe ein schlechtes Gewissen. Und das alles immer wieder, alle paar Tage, jedes Mal, wenn ich einen Trinkhalm berühre, denke ich an meinen Kollegen und meinen Fehler.

Zwei Wochen (und zahlreiche Gewissensbisse) später stehe ich mal wieder mit einem Colabecher da, stecke den Trinkhalm in den Deckel und da platzt mir ganz spontan endgültig der letzte Nerv. Ich MUSS es endlich genau wissen. Ich MUSS wissen, ob meine Tat wirklich so furchtbar gewesen war. Und schreibe eine SMS.

Seine Reaktion kann man sich vermutlich denken. Sie bestand überwiegend aus einem riesengroßen “HÄ?!!!” und einem kräftigen Biss in die Dunstabzugshaube, vor der er gerade stand.

Was genau war passiert? So richtig im Detail können wir die Ausgangssituation leider auch nicht mehr rekonstruieren. Als wir vorhin zufällig (ich lachend, er vermutlich erbärmlich schluchzend) wieder auf diese ulkige Begebenheit zu sprechen kamen, meinte er, er habe mir vermutlich einen Blick zugeworfen, sowas wie “So ein Blödsinn, ist doch alles ok”, dessen Bedeutung ich wohl einfach absolut nicht mitbekommen hatte.

Da meinte ich eben nur ganz trocken: “Hör auf, mir Rauchzeichen zu senden.”

Wie man sieht: Der mit der faszinierend langen Leitung bin häufig leider ich. Und mein Kollege braucht vermutlich bald einen Traumatherapeuten.

PS: Ob er wirklich in die Dunstabzugshaube gebissen hatte, muss ich ihn auch mal fragen…

PPS:

Das Konzept von Normalität ist nur eine Kollektivneurose

(…)
“Meine Güte, Kind, wie willst Du nur damit leben?!”
Sehr gute Frage.
Ich hab noch eine:
“Wie habe ich es denn bis hierhin geschafft?”
(…)

Der vollständige Text ist ein Teil der Reihe “Mein Autismus” auf Realitätsfilter und kann *HIER* gelesen werden ❤
Was ihr garantiert nicht wissen wolltet: Er ist genau 500 Wörter lang. Tja.

Von Fastfoodantworten und Menschen

“Warum haben Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden?”

Ich hasse diese Frage. Ich kann sie nicht ausstehen. Und noch mehr hasse ich die gespielt erwartungsvollen Gesichter, deren Lippen diese Frage formen, kurz bevor ihre Augen sich wieder mehr für meinen lückenhaften Lebenslauf als für mich als Menschen interessieren.
Es ist eine Frage, die ich nicht ehrlich beantworten darf. Ich muss mir eine Antwort aus dem Ärmel schütteln, die überzeugend rüberkommt. Eine Antwort, die ihnen zeigt, was für eine perfekte Bewerberin ich bin, und warum ausgerechnet ich – mit meinem lückenhaften Lebenslauf, mit meinen mittlerweile 22 Jahren, mit meinen schwarzgefärbten Haaren, meinem manchmal etwas eigenartigen Kleidungsstil, den paar Pfunden zuviel auf den Hüften, den zwei durchgeknallten Katzen, dem wirren Twitterhumor und dem Schaukelstuhl auf dem Balkon – für ausgerechnet diesen Beruf geeignet sein soll. Ich muss lügen. Lügen, um etwas zu erreichen. Lügen, um eine Chance zu haben. Und mich selbst verleugnen.
Ich hasse das.

Warum ich Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in einer Bibliothek sein möchte? Ganz einfach: Weil ich Asperger-Autistin und Synästhetikerin bin und dieser Beruf nicht trotzdem, sondern gerade deswegen einfach perfekt für mich ist.

Denn ich liebe es, Dinge zu sortieren. Nach Kategorien, nach Zahlen, nach Alphabet, nach Farben. Während andere Leute sich zu Tode langweilen, habe ich einen riesigen Spaß daran. Ich liebe Bücher. Ich liebe ihre Form, ich liebe es, dass sie so viele Seiten haben. Ich liebe ihren Geruch. Ich mag, wie sie sich anfühlen. Und ich liebe den Anblick von hunderten von Büchern, wie sie fein säuberlich geordnet still und stramm in Regalen stehen und nur darauf warten, einen interessierten Leser ins Staunen zu versetzen. Und es macht mir Spaß, spontan zu entdecken, wenn eines falsch einsortiert worden ist.
Ich liebe es, neue Bücher in Schutzfolie einzuschlagen und dabei darauf zu achten, dass keine Luftblasen sich zwischen Folie und Buchdeckel bilden. Ich mag das Geräusch, wenn ich langsam die Folie vom Trägerpapier abziehe. Zzzzziiipp. Und wie unsäglich spannend es doch ist, mitzubekommen, was für neue Bücher es bald geben wird, und wie schön es ist, zu wissen, dass die nächsten, die sie durchblättern, Kinder sein werden, die mindestens genauso freudig piepsend und staunend davorsitzen.
Auch wenn es vormittags oft sehr laut ist wegen den vielen Kindern und mir das aufgrund meiner Geräuschempfindlichkeit oft sehr zu schaffen macht: Ich mag auch sie, wie sie unbeholfen Bücher aus den Regalen ziehen und alles heillos durcheinander bringen. Manchmal sehen die Regale aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber die Bücher wieder in ihre richtige Reihenfolge zu bringen und mir hinterher das perfekt einsortierte Regal anzuschauen, macht mich sehr glücklich. Es freut mich immer wieder, wenn ich ihnen bei ihren Aufgaben helfen oder ihnen etwas erklären konnte, was sie interessant fanden.
Es gab schon Kinder, die mich so sehr mochten, dass sie mich gar nicht loslassen und gar nicht wieder zurück in ihre Schule wollten. Von den kleinen Zwergen umarmt zu werden war für mich als Autistin anstrengend und überfordernd, aber doch auch irgendwie sehr schön. Aber: Ich brauchte danach keine Pause. Ich konnte einfach meine Arbeit weitermachen: Bücher einsortieren, damit die Überforderung verschwand und das Chaos in meinem Kopf sich ordnete.
Man ahnt es jetzt vielleicht: Die Arbeit in der Bibliothek ist nicht einfach nur Arbeit für mich. Nicht einfach nur etwas, was ich tun müsste, um meine Brötchen zu verdienen. Die Arbeit ist etwas, was ich gerne tue und tun muss, damit ich mich gut und ausgeglichen fühle.

Ich finde es oft sogar richtig doof, wenn dann schon bald wieder Feierabend ist. Ich bin viel zu gerne dort.

Aber wie war das doch gleich mit der Synästhesie?
In meinem Kopf sind Zahlen, Buchstaben, Wochen und Jahre mit Farben verknüpft. Gerade bei den Zahlen und Buchstaben ist das in einer Bibliothek sehr hilfreich: Die Kategorien, die häufig nur mit einer Zahl oder ein oder zwei Buchstaben versehen sind, sind für mich nicht einfach nur ein Buchstabensalat, sondern haben ihre eigenen Farben und Farbkombinationen. Die Oberkategorien sind in Unterkategorien aufgeteilt, die aus drei Zahlen bestehen. Und dann hat jedes Buch nochmal die ersten Buchstaben des Namens des Autors. Diese drei (bzw. zwei, denn die Unterkategorien gibt es bei Romanen häufig nicht) Informationen stehen auf einem Klebchen auf jedem Buchrücken.

Zum Beispiel das kleine rote Büchlein mit dem Titel “Ask me” von Antje Damm:
S
221/5
Dam

S steht für Sprachen. 221/5 steht für Romane und Bilderbücher in Englisch. Dam steht für Antje Damm, die Autorin des Buches.
Für mich sind das aber nicht nur irgendwelche Buchstaben oder Zahlen.
Der Buchstabe S ist gelb, und wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass Duden und Langenscheidt-Bücher häufig auch gelb sind, ist die perfekte Eselsbrücke geschlagen. 221/5 ist eine Reihenfolge von Farben, nämlich rostiges Orange, Weiß und Gelb. Und die Regalabschnitte, auf denen die 221/5er Bücher stehen, haben somit eher “herbstliche” Farben. Während der Regalabschnitt für z.B. Russisch und Polnisch aufgrund ihrer Buchstabenfarben in meinem Kopf eher bläulich sind. Und ich weiß auch: Die “blauen” russischen und polnischen Bücher sind links unten (aber nicht ganz unten) während die “herbstfarbenen” 221/5er Bücher über ein paar Regalbretter auf der rechten Seite gehen.
Die Bücherregale werden immer deutlicher zu großen abstrakten Bildern mit farbigen Flecken in meinem Inneren. Es entsteht allmählich eine Art “übersetzte” Karte in mir und ich freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich mich an neue Farbflecken erinnern kann und meine inneren Farbkarten sich weiter ergänzen.
Falls sich jetzt noch jemand fragt, wieso ich mir Namen so gut merken kann: Es sind die Farben! :-)

Es macht mich traurig und wütend, dass das JobCenter nicht will, dass ich weiterhin an diesem wunderbaren Ort arbeite, obwohl ich dort sehr glücklich bin und die Bibliothekarinnen sehr zufrieden mit meiner Arbeit sind. Ich weiß nicht, was mit mir passiert, wenn ich nicht mehr jeden Tag dort hingehen darf. Es fühlt sich an, als entstünde ein gigantischer Riss in meiner Welt, der so weit ist, dass ich nicht mehr erkennen kann, was auf der anderen Seite vor mir liegt. So sehr ist diese Bibliothek schon ein Teil von mir geworden.

Aber das alles kann ich ihnen nicht sagen, den Ausbildungsleiterinnen mit meinem löchrigen Lebenslauf in ihren perfekt manikürten Händen und den klimpernden Kettchen an denen ihre teure Brille hängt. Denn sie wollen die Antworten hören, die sie erwarten. Die Antworten, die mich zur perfekten Auszubildenden machen, wenn ich jene vorgekauten Worte auswendig gelernt habe und perfekt vortragen kann. Und am besten schön kurz, denn die nächste Bewerberin wartet schon vor der Tür. Fastfoodantworten, die so wenig mit mir zu tun haben, dass ich mich jetzt gerade nicht einmal mehr an sie erinnern kann.

PS: Nur weil dieser Beruf für mich das Richtige ist, heißt es nicht, dass das jetzt auf alle Autisten zutrifft…

PPS: Übrigens ist mir gerade aufgefallen, dass “Ask me” von Antje Damm gar keine Schutzfolie hat. Und die Ecken sind schon ein wenig abgenutzt. Ich werde gleich am Montag fragen, ob ich es in Schutzfolie einschlagen darf :-)

Das falsche Blau

Ich habe ein Problem mit Blau. Dieser Zwist, diese Schwierigkeit, ist jedoch viel komplexer, als dass ich einfach hätte sagen können “Ich hasse Blau”. Weil das gar nicht so ist. Aber irgendwie eben schon.

Nein, “Hassen” ist vermutlich das falsche Wort. Es ist vielmehr so, dass bestimmte Blautöne mich stören oder mir in den Augen schmerzen. Vom “falschen” Blau kriege ich manchmal sogar heftige Kopfschmerzen. Bestimmte Blautöne können mich innerhalb von Sekunden in eine massive Reizüberflutung abschießen. Ja, es gab schon Internetseiten, bei denen ich laut fluchend nach dem X-Button gesucht habe, während ich gar nicht in der Lage war, richtig hinzuschauen. 

Mein Blauzwist kann sogar so weit gehen, dass ich Menschen, die beim Kennenlernen zufällig ein Hemd oder Oberteil in dem “falschen” Blau trugen, unsympathisch finde. Vor einer Weile hatte ich mich mit einer Bekannten getroffen, die ein blaues Oberteil trug. Das falsche Blau. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen und hatte tatsächlich überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, gar nicht erst zu kommen. Dabei hatte ich mich sehr darauf gefreut und ich konnte jene Bekannte echt gut leiden. Wir hatten das Glück, dass sie kurz darauf eine rote Jacke anzog, und das wiederum hatte mich ziemlich beruhigt.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich diesen Blauzwist schon immer hatte. War er immer da? Ich kann mich nicht erinnern. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich Blau schon lange meide. Mir ist auch keine Farbe bekannt, bei der ich ähnlich schrecklich reagiere wie manchmal eben bei Blau. Blau kann auch in Kombination mancher Farben schmerzen wie beispielsweise: An einer Hauswand, an der ich jeden Tag vorbeigehen muss, ist ein Schild mit roter Schrift auf blauem Grund, das flackert sehr schmerzhaft in meinen Augen. Ich gebe mir immer Mühe, möglichst nicht aufzuschauen, wenn ich in die Nähe dieses Schildes komme.

Ich kann mich leider nicht dazu überwinden, nach konkreten Beispielen zu suchen. Stellt euch einfach diese blaue Latzhose von Handwerkern oder den blauen Kittel von Hausmeistern vor, oder googlet nach “Yves Klein”. Übrigens finde ich Rot sehr beruhigend und gemütlich.

Erst mit der Diagnose?

“Warten Sie erstmal die Diagnose ab. Wenn die in der Klinik sagen, dass Sie das Asperger nicht haben, dann werden Sie ja auch keine Probleme in Ihrer zukünftigen Ausbildung haben”, sagt sie lächelnd, während ich wortlos den Briefumschlag immer wieder zur Hälfte falte und die Kanten sorgfältig glattstreiche mit meinen fast bis zum Fleisch hoch weggerissenen Fingernägeln. Es tut weh, mit diesen empfindlichen Fingerspitzen Papier glatt zu streichen, aber ich muss es machen. Immer mehr wird der leere Briefumschlag zu einer gleichmäßigen Fläche von Vierecken, die fein säuberlich aneinandergereiht sind wie Fliesen in meinem Badezimmer. Vogelgezwitscher frisst sich in meine Hirnwindungen und ich frage mich, wieso der Kalender nicht mehr hinter ihrem Bürostuhl hängt. Er hing doch immer dort. Es fühlt sich befremdlich an, in ihre Richtung zu schauen ohne dem Kalender hinter ihr. Es war immer der Kalender, den ich ansah, damit sie das Gefühl hatte, ich würde ihr in die Augen sehen. Ich verstehe ihre Worte immer nicht, wenn ich mir die Struktur der Iris ihrer Augen anschaue. Ihr letzter Satz kreist in meinem Kopf während ich weiter Fliesenvierecke in den Briefumschlag falte und das Geräusch genieße, das entsteht, wenn meine Finger das Papier entlangstreichen. Der Briefumschlag knistert ein wenig, weil er ein Adressfensterchen hat, aus diesem dünnen knisternden Material. Plötzlich geht ein Ruck durch meinen Kopf. Ein Echo. Ein mulmiges Gefühl. 
Wirklich? Ist dann wirklich alles so einfach, wenn ein Doktor “Nein” sagt? Würde ich dann plötzlich “normal” werden und die Wahrnehmungsstörungen, die Reizüberflutungen, das Stimming, und die Verständnisprobleme los werden? Ich krame in meiner Kehle nach meiner Stimme, muss mich räuspern, einen Satzanfang finden. Den Kopf ordnen. Sonst stottere ich. 

“Glauben Sie wirklich, ich kriege den Autismus erst mit der Diagnose?”, sage ich und falte weiter meinen knisternden Briefumschlag.

 

Autismustag 2011 in Potsdam Teil 2

Hier nun wie versprochen Teil 2 meiner Eindrücke und Gedanken zum 3. Autismustag 2011 im Oberlinhaus in Potsdam. Den ersten Teil übersehen? Hier geht’s zu Teil 1

12:00 Uhr – Hajo Seng, Asperger-Autist, Vorstandsvorsitzender autWorker eG, Hamburg
“Autisten – Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt”
autWorker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitgeber über die Fähigkeiten von Autisten aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Arbeitssuchende Autisten werden beraten und in geeignete Arbeitsplätze vermittelt.
Herr Seng ist ein ruhiger, sympathischer Mann mit einem markanten Gesicht und einer sehr angenehmen Art zu sprechen. Ich war erstaunt über seine Ehrlichkeit: Anhand eigener Interessen und Lebenserfahrungen erläuterte er sehr anschaulich, wie so eine Lebensgeschichte eines Autisten aussehn kann, und dass es eben nicht immer nur die Defizite sind, die einen Autisten zum Autisten machen, sondern auch sehr nützliche Fähigkeiten und ungewöhnlich umfangreiches Wissen.
Viele Autisten sind mit der Jobsuche überfordert, oder tun sich sehr schwer, Arbeitgeber im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs von sich zu überzeugen. Oder sie ”eiern” von einem Job zum nächsten, weil sie aufgrund der fehlenden Feinheiten im sozialen Umgang mit den Kollegen von vorneherein nicht angenommen - oder sehr bald nach der Einstellung wieder ausgesondert - werden.
Das Besondere, und für mich absolut Geniale an Hajo Sengs Vortrag war die “ganzheitliche” Ansicht auf Autisten und ihr Umfeld. Es sind nicht nur die Autisten, die ihre “Defizite” wegzaubern und sich verbiegen sollen, um allen Anforderungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Mitmenschen können und sollten umdenken. Denn nicht alles, was im Umgang mit anderen Menschen als normal angesehen wird, ist gleichzeitig auch wirklich so zwingend notwendig, dass man auf die speziellen Fähigkeiten einiger Autisten verzichten muss.
Und viele scheinbaren “Schwächen” können im richigen Umfeld von großem Nutzen sein.
Herr Seng hat mich davon überzeugt, dass hinter autWorker sehr gescheite Menschen mit optimalen Denkansätzen sitzen, die definitiv wissen, wovon sie reden.

13:00 Uhr – Fröhliches Schlangestehen im Café
Was tut man nicht alles für ein bisschen Kuchen…

14:00 Uhr – Katja Carstensen, Asperger-Autistin, Autorin, Detold
“Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein”
Ich hatte die letzten Wochen überlegt, ob und welche Bücher über Autismus und Asperger-Syndrom ich mir eigentlich zulegen möchte. Dabei stieß ich auch auf Bücher von Frau Carstensen, und da sie, so ganz zufällig, auch diesen Vortrag halten würde, entschied ich mich, meine Entscheidung vom Autismustag abhängig zu machen.
Frau Carstensens Vortrag bestand aus abwechselnden Passagen aus ihren beiden Büchern “Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein” und “Die kleine Spinne”. Letzteres ist eine gar zuckersüße Geschichte über eine autistische Spinne, die einen Hirschkäfer mit ihren Fragen in den Wahnsinn treibt. Definitiv etwas für die Wunschliste.
Der Inhalt war generell sehr interessant und informativ, ohne zu trocken zu werden. Frau Carstensen gab zahlreiche Fallbeispiele für alltägliche Situationen, und die entsprechend unterschiedliche Wahrnehmung und Denkweise eines autistischen Menschen bzw. auch dessen nicht-autistischen Partners. Zentrale Aussage war, dass klar kommuniziert werden muss, wer was wie empfindet und gemeint hat. Was übrigens auch nützlich für Menschen ist, die nichts mit Autismus zu tun haben. Zu einfach verrennt man sich in völlig unnötig kräftezehrende Interpretationen, Missverständnisse und Kränkungen, die alle nicht sein müssten, würde man von vorneherein Klartext reden.
Das Schwierige bei so einem Vortrag ist, dass viele Menschen von einem Beispiel auf alle Autisten schließen. Was leider auch diverse Kommetare der Zuschauer bewiesen hatten…

15:00 Uhr – Martina Reinke, Vorsitzende des Landesverbandes Autismus Brandenburg, Mutter eines 15-jährigen Sohnes mit frühkindlichem Autismus
“15 Jahre mit meinem Sohn, unsere Erfolge und Misserfolge”
Frau Reinke erzählte von den Wegen, die sie mit ihrem Sohn gehen musste, bis sie die Diagnose erhielt, und wie sie nach langem Hin und Her die dringend nötige Finanzierung für eine spezielle Schule erhielt. So hatte man sie zuerst mehrfach bestärkt, sich für diese Schule zu entscheiden, und am Tag der Einschulung ihres Sohnes bekam sie den Bescheid, die Fahrtkosten würden nicht übernommen. Es war sehr interessant, und an vielen Stellen konnte man einfach nur mit dem Kopf schütteln über die unnötigen Schwierigkeiten, die diverse Ämter ihr bereitet haben.
Sehr schön fand ich, dass sie sagte, ihr Sohn ist ein sehr glückliches Kind. Eine sehr wichtige Aussage von ihr möchte ich Euch nicht vorenthalten:
“Ihr Kind kann nur so stark sein, wie Sie selber sind!”

16:30 Uhr
Astrid Maria Robbers, langjährige Erfahrungen mit Autismus und ADHS, Osnabrück
Carsten Donath, Asperger-Autist, ADHSler, Potsdam
“Ein überraschendes Zwiegespräch: ADHS und Autismus – zwei ineinander übergehende Spektren”
Frau Robbers ist eine sympathische junge Frau mit einem frechen Kurzhaarschnitt. Herrn Donath hatte ich ja bereits vor der Eröffnung der Kunstausstellung kennen gelernt. Ein freundlicher, extrovertierter Mann mit klugen Augen.
Die beiden erläuterten sehr anschaulich verschiedene Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Autismus und ADHS gleichermaßen auftreten. Die erwähnten Beispiele waren keine bahnbrechenden Neuigkeiten, sie in diesem Zusammenhang zu sehen empfand ich doch als sehr interessant. Es hat mir großen Spaß gemacht, Frau Robbers und Herrn Donath zuzuhören und ich fand es äußerst schade, dass so ein massiver Zeitmangel dazu führte, dass viele wichtige Bereiche unbesprochen blieben.

Autisten können manchmal schon auch anstrengend sein. Ein echt böööses Scherzchen, über das ich sehr lachen musste (Achtung, Sarkasmus!!):
“Ist es eigentlich Notwehr, wenn man einen Autisten erschlägt?”

17:15 Uhr – Rainer Döhle, Asperger-Autist, Übersetzer, Berlin
Herr Döhle wirkt ein wenig schüchtern, man sollte ihn und seine Fähigkeiten jedoch nicht unterschätzen. Er hat bereits tausende Texte für Wikipedia recherchiert und geschrieben und ist als Übersetzer tätig. “Risse im Universum” ist ein von Autisten herausgegebenes, autobiografisches Buch, in dem Asperger-Autisten von Fehlschlägen, Erfolgen und Erfahrungen aus ihrem Leben erzählen. Die Ausschnitte, die Herr Döhle vorlas, waren interessant, teilweise witzig, und definitiv kurzweilig. Dankbar war ich auch für die Aussage (man kann es gar nicht oft genug sagen), dass Autisten keine “Fälle” oder ”Opfer” sind, die dringend einer “Heilung” bedürften.

Und zum Schluss noch …
Ich finde, es hat sich definitiv gelohnt, dort hingefahren zu sein. Der Fokus war nicht nur auf die Probleme geplagter Eltern gerichtet, sondern vor allem auf die Sicht- und Denkweise, sowie auch die Wahrnehmung von Autisten. Das war auf dieser Veranstaltung ein sehr großes und umfangreich behandeltes Thema, was mir persönlich sehr am Herzen lag. Wie will man jemandem helfen, den man nicht versteht? Man sollte mit offenen Augen und Ohren durch die Welt schreiten, und diese Veranstaltung war ein großer Beitrag dazu, dass ein Teil dieser Welt ein bisschen besser verstanden wird.

Autismustag 2011 in Potsdam Teil 1

Am 2. April 2011 (gestern, höhö) fand der 3. Autismustag im Oberlinhaus in Potsdam statt, und natürlich hat auch ein Krümel was zu sagen, obwohl er kein Kuchen ist. Und so. 

Erwähnenswert wäre da noch der nette Herr vom Realitätsfilter, ohne den dieser anstrengende Tag mich vermutlich schon viel früher zerschossen hätte. Ganz großartiger Blog übrigens. 

9:00 Uhr – Eröffnung der Kunstausstellung “Immer innen – auch Außen” 

Hawk und ich wurden bereits vor 9 Uhr von Carsten Donath in die Kunstausstellung geführt, wo wir uns die Fotografien und Bilder in Ruhe ansehen konnten. Ich war sehr froh darüber, dass wir dies alleine tun konnten, vor dem großen Ansturm der zahlreichen Gäste und der Eröffnungsrede. Die Räumlichkeiten, in denen die Kunstausstellung stattfand, hallten sehr merkwürdig und unangenehm den Schall zurück, sodass ich nach Eintreffen der anderen Menschen die Gemälde nur noch genauer anschauen konnte, wenn ich mir die Ohren zuhielt. Die Fotos und Gemälde waren allesamt sehr schön und ich war sehr positiv überrascht davon, dass sie mir alle so gefielen. 
Christine Denk macht sehr atmosphärische Fotografien, die alle eine kleine Geschichte zu erzählen scheinen. Unweigerlich muss ich mich fragen, was das wohl für eine Situation war, die da eingefangen wurde. Wer die Menschen sind, die darauf zu sehen sind, und welche Schicksalsfügungen wohl dazu geführt haben, dass Frau Denk ausgerechnet in jenem Moment den Auslöserknopf drückte. Ich mag die Bilder vor dem zerbrochenen Spiegel!
Ich bin ganz schockiert, wie viel so eine Fotokamera die Essenz eines Gemäldes endgültig wegfressen kann. Ich hatte die Gemälde von Anna Trubel nämlich völlig unterschätzt. Als ich dann vor ihren Bildern stand, war ich umso begeisterter: Frau Trubel hat einen faszinierenden Pinselduktus, in dessen sanfter Ungleichmäßigkeit man sich verlieren könnte. Ihre Bilder haben etwas nachdenkliches, und doch sind sie in sehr intensiven, leuchtenden Farben gehalten. Es war schwer, meine Augen von ihren Bildern abzuwenden.

Ich muss sagen: Ich war tatsächlich sehr skeptisch bezüglich der gesamten Veranstaltung. Nun ist es ja leider so, dass das Thema “Autismus” sich sehr häufig ganz allgemein an (völlig schockierte, verschreckte) Eltern richtet, die mit der Andersartigkeit ihrer autistischen Kinder völlig überfordert sind und den Autismus als eine ganz furchtbare Krankheit ansehen. Es ist immer noch sehr viel Aufklärung von Nöten. 

9:45 Uhr – Eröffnung des Symposiums anlässlich des Weltautismustages durch Thomas Barta (Leiter d. Abteilung Gesundheit, Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg)
Um ehrlich zu sein, seine Eröffnungsrede hatte meinen anfänglichen Verdacht zuerst bestärkt. Nun kann ich definitiv nicht leugnen, dass die Lebenswege, die Autisten bzw. ihre Eltern beschreiten (müssen), oft sehr schwierig sind, doch Herr Bartas Rede ließ das Gefühl aufkommen, wir hätten es hier mit einer schweren “Krankheit” zu tun. Ich bin mir nicht sicher, ob es sonderlich hilfreich ist, eine solche Veranstaltung mit einer so einseitigen, eher ins Negative abrutschenden, Rede zu beginnen. Zumal man auch beachten sollte, dass viele Menschen leider viel zu kritiklos mit den Gesprächsfetzen umgehen, die sie so mal eben erhaschen.

10:00 Uhr – Paul und Katja Kötz, Asperger-Autist und seine Mutter: “Ich gehe meinen Weg”
Der Vortrag der Mutter über die Geburt und Kindheit ihres Sohnes war sehr langatmig und die meiste Zeit hatten wir uns gefragt, was das alles eigentlich mit dem Autismus ihres Sohnes zu tun hatte. Und ob es wirklich so notwendig war, haarklein zu erörtern, wie das Knäblein die Hebamme bepinkelte, wie es Husten und andere Kinderkrankheiten hatte, und dass es gern mit Autos spielte, vom Klettergerüst fiel und sich Beulen zuzog, die erste Zigarette… Dies mag ja für Eltern, und vermutlich auch noch für nahe Verwandte des Knaben gar entzückend sein. Nun frage ich mich aber, was das alles in einem Vortrag zum Thema Autismus am Autismustag 2011 in Potsdam zu suchen hat? 
Sehr dankbar war ich durch die Zwischenkommentare des mittlerweile 20-jährigen Pauls. Er ist ein sympathischer junger Mann mit einem Otaku-T-Shirt, einem netten Lächeln und einer sehr angenehmen, sogar sehr spontanen Sprechweise. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wieso man nicht einfach Paul selbst das Sprechen überließ. Er hätte das alles viel lockerer und vor allem interessanter rüberbringen können. 
Es gab auch einige Unstimmigkeiten zwischen den Aussagen der Mutter und der Wahrnehmung ihres Sohnes. So hatte sie erst lang und breit erläutert, der damals 8-jährige Paul hätte bezüglich des Schulwegs gelernt, nur mit einer bestimmten Buslinie zu fahren, und wäre aufgrund seines Autismus nicht in der Lage gewesen, andere Buslinien zu fahren. Paul selbst erklärte das wie folgt: Er hätte bewusst nur diese eine Linie gewählt, weil in ihr die Sitze moderner, sauberer und bequemer waren. Aha! 
Die eigentlichen Schwierigkeiten und Probleme, die er aufgrund seines Autismus gehabt hatte, wurden nicht näher erläutert. 
Der Titel des Vortrags war “Ich gehe meinen Weg”. Nun, wieso hat man das “Ich” namens Paul dann nicht einfach über seinen Weg sprechen lassen? 
Sehr, sehr schade. 

11:00 Uhr – Johannes F. W. Drischel, Autist und Synästhetiker
Herr Drischel ist ein total sympathischer Mann mit einem goldigen Humor. Er stellte sein Stressbewältigungskonzept namens “emoflex” vor. Ich hatte es bisher nicht groß beachtet, da ich gegenüber “neuartigen Konzepten” im Allgemeinen erstmal sehr skeptisch bin. Häufig wird einfach nur irgendetwas fernöstliches abgespeckt und unter einem modern oder geheimnisvoll klingenden Namen neu “vermarktet”. 
Herr Drischel hat mir mit seinem Vortrag definitiv bewiesen, dass seinem “emoflex” ein eigenständiges und sehr stimmiges Konzept ist, mit einigen sehr interessanten zugrundeliegenden Gedanken über REM-Schlaf, die Notwendigkeit des Träumens und die oft davon abhängige emotionale Bewältigung von Stress und Überforderung. Auch seine Abschweifungen in die Wahrnehmung von Autisten, wie zum Beispiel, dass störende Geräusche bzw. Außeneinflüsse ähnlich wahrgenommen werden wie “soziale” Situationen bzw. Ansprachen; oder auch, dass die Beschäftigung mit Sachthemen (bzw. auch Hyperfokus) für den Autisten eine emotionale Stabilität herstellt. 
Was ich (selbst auch Synästhetikerin) sehr spannend finde, ist, dass Herr Drischel auch die Synästhesie mit in sein Konzept einbezieht. So wird für Stress, unangenehme Emotionen und Angst ein Formbegriff erarbeitet. Das diffuse Gefühl wird genau benannt in Form, Farbe, Beschaffenheit. Es wird besser greifbar. 

Ich habe bereits Herrn Drischels goldigen Humor erwähnt, hier mal ein Glanzstück seiner Späße:
“Wenn ich das Kaninchen dazu bringe, an der Schlange vorbei zu schauen, dann hab’ ich ein cooles Kaninchen.”

Teil 2 folgt zeitnah…