Menschwerdung

Jeder Mensch ein Universum mit Welten, Sonnen, schwarzen Löchern und 1000 funkelnden Sternen am Ende des Nichts, das er so oft durchwandert.

Ohne ein Geräusch

Beim Dateiensortieren habe ich einen Text gefunden, der schon ein paar Monate alt ist. Ich kann mich nicht erinnern, ob er fertig war, oder ob ich noch vor gehabt hatte, ihn weiterzuschreiben. Ich mag ihn und es wäre schade, würde er irgendwo in irgendeinem Ordner versauern. Da hier auf diesem Blog momentan eh nix los ist, kann ich ihn euch auch genauso gut zeigen. Achtung! Es ist nur ein Textchen, ein Kurzgeschichtchen, das NICHT auf wahren Begebenheiten beruht. 

Ihr Tod ist lange her. Wahrscheinlich zu lange, um sich heute noch zu beklagen. Wehmütig, ja nahe an tiefster Trauer schaue ich zurück auf dieses weiche, runde Antlitz. Auf aschblondes Haar, das golden im Sonnenlicht schimmerte. In jeder noch so schwachen Brise erinnerte es mich an Kornfelder, deren Ähren sich sanft im Winde wiegten. Tiefblaue Augen, die an den Himmel erinnerten, wenn er etwas klarer war.
Auch wenn ihr Äußeres mich an warme Sommernachmittage denken ließ, so war ihre Seele doch geprägt von dunklen Wolken. Schwere, graue Wolken, die sich täglich von neuem lichteten oder enger zusammenrückten. Undurchdringliche Schatten fielen an jenen, unerträglichen Tagen auf ihr Gemüt, und niemand konnte die Tore öffnen, die sich leise knarzend in ihrem Herzen schlossen und erst Tage, Wochen, Monate später wieder langsam Licht hindurchließen.

Sie bemühte sich immer um einen angenehmen Umgang, wich Konflikten aus und versuchte mit allen Mitteln, ihre Probleme nicht zu sehr an andere Menschen heranzutragen. Vor allem an den Tagen, an jenen graue Wolken in ihr hingen, war sie sehr still. Nie anschuldigend. Nie wütend. Immer gefasst. Das waren Tage, an denen ich furchtbar litt, war ich doch nie in der Lage, ihr nahe zu kommen. So nah, dass sie sich mir offenbaren konnte.

Wenn wir beieinander lagen, schien die Welt sich vorsichtiger zu drehen. Zum Fenster hinaus war es dann meistens schon sehr finster. Ich hörte ihr Herz schlagen und auch sie hörte meines. Manchmal legte sie ihr Ohr an meinen Brustkorb. Manchmal sagte sie, sie sei froh, hören zu können, wie mein Herz schlug. Ganz laut und deutlich. Und manchmal, ganz leise, flüsterte sie: “Manchmal, wenn alles grau ist in mir, kann ich es nicht hören. Dein Herz. Es ist eher eine ferne dumpfe Vibration, irgendwo weit weg. Als säße ich in einem gigantischen Blechsarg, und irgendwo am anderen Ende schlägt eine Motte mit ihren Flügeln gegen das rostige Metall. Ganz leise, fast nichtvorhanden, spüre ich, dass da etwas ist. Fernab von mir selbst. Doch ich höre es nicht.”
Irgendwann kam sie nicht mehr zurück aus ihrem grauen Blechsarg.
Und mein Herz wurde ganz leise.

2 Antworten auf Ohne ein Geräusch

  1. (,,,)---=^.^=---(,,,) 26. August 2011 um 13:38

    Beneideswert, Deine Sprachgewandtheit.

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