Menschwerdung

Jeder Mensch ein Universum mit Welten, Sonnen, schwarzen Löchern und 1000 funkelnden Sternen am Ende des Nichts, das er so oft durchwandert.

Von Stimmen

Ich glaube, dass „erwachsen sein“ nur ein verkürzter Ausdruck für „dem kindlichen Körper entwachsen sein“ ist. Mehr ist es nicht. Kaum einer nimmt Dich an die Hand. Es gibt keine Gebrauchsanweisung, dafür genügend Haken und doppelte Böden. Was Du machst sobald Du auf dem Papier als „mündig“ gilst, aus Dir selbst, Deiner Welt und Deinen Wegen, das liegt in Deinen eigenen zitternden Fingern. 
Und manchmal ist genau das das Schmerzliche daran:
Dieses elendige Zittern.

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Erwachsen sein. Es bedeutet, dass alles, was einst Du und Deine Welt waren, sich in Luft auflösen. Ob diese Luft klingt und schwingt, oder ob sie nur alten Staub aufwirbelt, das entscheidest Du. 

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Sie sind Stimmen geworden, die Wesen der Vergangenheit. Deine Eltern sind nur noch ferne Worte aus einem kleinen Stück Metall geworden. Das Kind, das Du einst warst, zog mit den Jahren langsam in Deine Herzkammern ein. Und manchmal klopft es leise.

Atemstehlend Minnemaid

Atemstehlend Minnemaid,
was straft Dein Fehlen mein Herz mit Wunden,
ich wünscht’, ich könnte bei Dir sein,
doch Deines Herzen Klang bleibt fern.

Ich bin nur ein reicher Prinz,
nur Gebieter über weite grüne Landen,
nur Herr dutzend mächtiger Heere,
doch bieten kann Dir mein Herz nicht viel.

Ich wünscht’, ich könnte Wärme Dir spenden,
Dein bangend Herz zum Lichte führ’n,
Dir Minne schenken, die Du innig spürst,
Doch kalt und klamm ist mein Tun.

Gelehrt wurde ich zu herrschen,
zu zerstören was meinen Zielen nicht beliebt,
zu sprechen mit Worten, hart wie Fels,
doch meinem Herzen weit blieb zarte Minne zu singen.

Atemstehlend Minnemaid,
wie sehr ich mich sehne nach Deines güld’nen Haares Duft,
verzeih mir meines Herzen kleines Sein,
verzeih die Härte, die meine rauen Hände tun.

Verzeih, dass ich nur der bin, der ich geworden bin.
Und nicht geben kann, was würdig Deines Herzens Güte.

Seine Lippen

Seine Lippen wärmten wenn sie erzählten,
von Schmerz und Liebe,
von Verlust und Wiedersehen,
von hinfortziehenden Vogelschwärmen,
wie sie den Winter hinter sich hertragen
mit kristallenen Fäden in ihren Flügeln.
Sie wärmten, wenn sie erzählten,
von fernen Orten am Ende dieser Welt,
jenseits des Horizonts,
von Bergen und Meeren,
von Orchideen in grünen Wäldern
und weißen Eisblumen auf pudrigen Fensterscheiben.
Seine Lippen wärmten wenn sie erzählten,
von einer Welt, die unseren Herzen Schwingen leiht,
und sie erzählten ohne ein einziges Wort.

Ascheaugen

Der schwere Rauch seiner kohlschwarzen Pfeife kratzte sich bissig in den dämmernden Himmel. Sein Bewusstsein wirkte hinfortgetragen.
„Wo gehst Du hin?“, fragte ich, seinem Rauch in die Ferne nachsinnend.
„Überall und nirgendwohin“, flüsterte er und atmete eine große Wolke übers Firmament. Schüchtern und vorsichtig hüllten die Wolken sich in pastellene Farbtöne. Farben wie verschwommene Früchte. Sein Schaukelstuhl knarzte leise über die taufeuchten Grashalme.
„Überall und nirgendwohin“, wiederholte ich und betrachtete seine aschgrauen Augen.
„Ich kann gehen wohin ich will“, sagte er, „Ohne diesen Stuhl zu verlassen. Ich kann hineintauchen wohin mir beliebt…“
Ich nickte stumm.
„…denn unzählige Welten drehen sich immerwährend in meinem Inneren. Ich brauche nur die Augen schließen.“
Er verdunkelte seine Ascheaugen. Alles, was in sie hineindrang, verbrannte in ihnen. Alles was er mit diesen trüben Tellern sah, verbrannte zu grauem Staub, der in sein Innerstes hineinwehte. Und die Wiesen und Wälder in seinem Geiste nährte und gedeihen ließ.Ich hörte Kraniche schreien. Ein metallenes Schreien und Schnattern, fast, als wären es die schweren Eisentore in seinem Kopf, die ich hörte, wie sie sich sanft öffneten und schlossen.

Irgendwann würde auch ich den Schlüssel finden.

Ein Traum von völliger Schwärze

Träume sind ein bisschen wie Magie, die aus unserem innersten hinaufsteigt. Etwas endlos wunderbares, das uns allen so alltäglich geworden ist, dass wir ihm nur noch selten Bedeutung beimessen.

Für gewöhnlich erzähle ich meine Träume nicht, sie sind etwas sehr persönliches. Sie passen auch nicht so ganz in das, wofür mein Blog eigentlich gedacht ist, nämlich von mir selbst geschriebenes Zeugs das auch einigermaßen kreativ sein soll. Aber es darf ruhig auch Ausnahmen geben, oder?

Ich gehe los zur Arbeit. Es ist Winter, es ist früh, und noch sehr dunkel. Und plötzlich ist alles endgültig schwarz. Kein bisschen Licht war übrig. Ich sah absolut nichts mehr. Ich kramte mein Mobiltelefon heraus um auf den Boden zu leuchten, doch das fahle Licht besserte absolut nichts. Eigentlich wusste ich, wo ich war, bzw. wo ich gerade hätte sein sollen, ich hatte es in Erinnerung, doch ich sah den Weg und die Häuser nicht. Alles schwarz. Ich hockte mich zitternd auf den Boden und hatte fürchterliche Angst. Angst davor, zur spät zu kommen. Angst vor der Dunkelheit, Angst davor, dass die Welt um mich herum nie mehr auftauchen würde. Angst vor diesem unrealen Gefühl, das ich in meinen Träumen oft spüre.

Ich habe noch nie so bewusst von Dunkelheit geträumt. Träume, das ist doch immer irgendwie etwas, was man sieht, hört, erlebt. Doch in diesem Traum war nichts. Nur Angst. Angst davor, nicht mehr zu sehen, wohin ich gehen muss. Angst davor, im Dunkeln vorwärts zu gehen und eventuell die nächste Treppe hinunterzustürzen oder über etwas zu stolpern oder mir anderweitig wehzutun.  Es war nur Dunkelheit. Nichts zu sehen. Die meiste Zeit bestand der Traum nur aus der Kälte der Umgebung, meinen Gedanken und Gefühlen. Ironischerweise macht das Nichtvorhandensein von etwas Essenziellem das übrige Gebilde intensiver.

Welch schöne Metaphern Träume doch manchmal für das wahre Leben da draußen sind. Das macht sie so mächtig und wichtig.

Besuch von Herrn Fliege

Wurde mal wieder Zeit für ein kleines Geschichtchen (oder sowas ähnliches).

Stellt euch vor: Ich habe vorhin doch tatsächlich noch vor dem ersten Kaffee angefangen aufzuräumen. Ist heute der zweiunddreissigste dreizehnte oder so?
Aber darum geht’s hier nicht. Sondern um Folgends:
Nichtmal in Ruhe Kaffee trinken darf man hier. Wieso? Na…

„SSssssss…“

Da ist doch tatsächlich so ein kleiner Schnösel in meine Wohnung eingeflogen und stört. Und wie der beim Fliegen mit dem Hintern wackelt! Als wäre er noch jung und knackig undsozeugs.
Schnurstracks auf meine Nase will er. Ich haue mit einem Teelöffel nach ihm, treffe jedoch nicht, und er setzt sich auf den Monitor.
„Watt machssste da?“, fragt er, und streckt mir ein langes haariges Bein entgegen.
„Das könnte ich Sie genausogut fragen. Und behalten Sie Ihre Körperteile bitte bei sich.“
„Nee“, er lacht und reibt sich die Bartstoppeln.
„Du sssach ma, wieso zuckssste noch?“, fragt er grinsend. Ist das etwa eine Zahnlücke? Ich verziehe das Gesicht.
„Wie bitte?“

Er rollt mit den Glubschaugen, seufzt angestrengt und dreht sich auf den Rücken. Fauler Lump.

„Na, eben warste noch mausetot. Und zwar janz schön lange. Ick bin nur kurz raus für kleene Herren. Dann komm ick zurück und Du sitzt hier rum und kippst Dich voll mit so’m Fusel, der Deinen Geschmack total verhunzt.“

Ich wölbe eine Augenbraue und denke kurz nach. Das kann doch nicht sein Ernst…

„Und, darf ick?“
„Bitte was?“
„Na… anfangen.“ Er streckt die Zunge heraus.
„Äh…“
„Also ‘n bisschen schwer von Begriff biste aber schon, wa?“
„Ist normal, so vor dem ersten Kaffee und so.“ Höflich bleiben fällt mir zunehmend schwieriger.
„Najut, zujejeben, ich bin’s ooch nich jewohnt, dass meen Essen mit mir spricht. Scheint ein besonderer Tach zu sein heute, wa?“
„Sie meinen, außer, dass heute Sonntag ist?“
„Jenau.“
Ich zucke mit den Schultern und verwerfe den Gedanken, mit dem neben mir liegenden Hammer nach dem dicken Herrn zu schlagen. Den Monitor brauche ich noch. Den dicken Herren eher weniger. Ich fantasiere, wie er wohl aussähe, würde ich ihn mit Tesafilm fesseln und den Katzen zum Spielen hinwerfen.

„Biste Dir sicher, dasste noch lebst?“, fragt er und kneift seine Glubscher ein wenig zu.

„Aber natürlich lebe ich noch!!“

„Biste Dir wirklich sicher?“

Ich seufze und denke an Shakespeare. Sein oder nicht sein – das klärt sich für mich für gewöhnlich erst nach dem dritten Kaffee. Ob alte Fliegenherren sowas kapieren?
Öh, ich versuch’s erst gar nicht.

„Sowatt aber ooch…“ Endlich dreht er seinen haarigen Bauch von mir weg.

„Könnten Sie jetzt bitte meine Wohnung verlassen?“, zische ich und nippe demonstrativ an meiner Kaffeetasse. Beschäftigt tun kann ich gut.

„Watt? Wieso das denn?“
„Weils meine ist?“
„Das isss keen Argument.“

Ich zögere kurz. „Doch. Hausrecht und sowas.“
Er scheint nachzudenken.
„Wie ooch immer, ick bin mir sicher, Du warst eben noch tot. Und Hunger hab ick immer noch.“
„Mir doch egal.“
„Na, halt wenigstens still, dauert ja nich lange.“
„Nö.“
„Doch, doch, ick bin nämlich der Meinung, Du tust nur so, als wärste nu doch nich tot. Wie dieses Bärtierchenzeug, nur andersrum.“  , brummt er und umschwirrt mein Gesicht.

IKEA-Kataloge sind hervorragend, um sich gegen aufdringliche Fliegenherren zur Wehr zu setzen. Eigentlich unfair, dass dieser kleine fette Flugmops fliegen kann und ich eher eine verdreifachte Erdgravitation unterm Hintern habe, doch ich behalte die Fassung.

Seufz.

Ich denke, ich werde ein Schild an meine Balkontür kleben mit der Aufschrift: „Ich bin nicht tot, ich hatte nur noch nicht genug Kaffee.“ Ein bisschen wie Frau Wetterwachs von Terry Pratchett. Aber ob Herr Fliege überhaupt lesen kann? Ich überlege kurz. Verwerfe den Gedanken. Eine Tasse geht noch.

Ohne ein Geräusch

Beim Dateiensortieren habe ich einen Text gefunden, der schon ein paar Monate alt ist. Ich kann mich nicht erinnern, ob er fertig war, oder ob ich noch vor gehabt hatte, ihn weiterzuschreiben. Ich mag ihn und es wäre schade, würde er irgendwo in irgendeinem Ordner versauern. Da hier auf diesem Blog momentan eh nix los ist, kann ich ihn euch auch genauso gut zeigen. Achtung! Es ist nur ein Textchen, ein Kurzgeschichtchen, das NICHT auf wahren Begebenheiten beruht. 

Ihr Tod ist lange her. Wahrscheinlich zu lange, um sich heute noch zu beklagen. Wehmütig, ja nahe an tiefster Trauer schaue ich zurück auf dieses weiche, runde Antlitz. Auf aschblondes Haar, das golden im Sonnenlicht schimmerte. In jeder noch so schwachen Brise erinnerte es mich an Kornfelder, deren Ähren sich sanft im Winde wiegten. Tiefblaue Augen, die an den Himmel erinnerten, wenn er etwas klarer war.
Auch wenn ihr Äußeres mich an warme Sommernachmittage denken ließ, so war ihre Seele doch geprägt von dunklen Wolken. Schwere, graue Wolken, die sich täglich von neuem lichteten oder enger zusammenrückten. Undurchdringliche Schatten fielen an jenen, unerträglichen Tagen auf ihr Gemüt, und niemand konnte die Tore öffnen, die sich leise knarzend in ihrem Herzen schlossen und erst Tage, Wochen, Monate später wieder langsam Licht hindurchließen.

Sie bemühte sich immer um einen angenehmen Umgang, wich Konflikten aus und versuchte mit allen Mitteln, ihre Probleme nicht zu sehr an andere Menschen heranzutragen. Vor allem an den Tagen, an jenen graue Wolken in ihr hingen, war sie sehr still. Nie anschuldigend. Nie wütend. Immer gefasst. Das waren Tage, an denen ich furchtbar litt, war ich doch nie in der Lage, ihr nahe zu kommen. So nah, dass sie sich mir offenbaren konnte.

Wenn wir beieinander lagen, schien die Welt sich vorsichtiger zu drehen. Zum Fenster hinaus war es dann meistens schon sehr finster. Ich hörte ihr Herz schlagen und auch sie hörte meines. Manchmal legte sie ihr Ohr an meinen Brustkorb. Manchmal sagte sie, sie sei froh, hören zu können, wie mein Herz schlug. Ganz laut und deutlich. Und manchmal, ganz leise, flüsterte sie: „Manchmal, wenn alles grau ist in mir, kann ich es nicht hören. Dein Herz. Es ist eher eine ferne dumpfe Vibration, irgendwo weit weg. Als säße ich in einem gigantischen Blechsarg, und irgendwo am anderen Ende schlägt eine Motte mit ihren Flügeln gegen das rostige Metall. Ganz leise, fast nichtvorhanden, spüre ich, dass da etwas ist. Fernab von mir selbst. Doch ich höre es nicht.“
Irgendwann kam sie nicht mehr zurück aus ihrem grauen Blechsarg.
Und mein Herz wurde ganz leise.

Zustandsbericht.

Ich bin zur Zeit weniger aktiv im Internet, was sich vermutlich am deutlichsten daran zeigt, dass ich nicht twittere. Es war viel los in den letzten Tagen und ich habe das Gefühl, mich erstmal wieder ordnen zu müssen, bevor ich wieder „zurückkomme“ zu Euch. Aber das ist auch nicht schlimm, vor allem wird’s auch nicht sehr lange dauern. Ein paar Tage? Eine Woche? Manchmal braucht man so kleine Orientierungsphasen, denke ich.

Wer immer und immer wieder so weitermacht wie bisher, lässt sich keine Chance, sich weiterzuentwickeln.

Herrn Schutzgeists neues Hobby

Ich erzähl euch jetzt mal was von meinem Herrn Schutzgeist. Ich sage Geist, nicht Engel. Er hat mir nämlich erzählt, dass er ein Geist ist. Kein Engel. Er mag dieses religiöse Gedöns nicht so, und außerdem stehen ihm keine goldenen Heiligenscheine. Und er hat eine leichte Vogelfederallergie. Andere Schutzgeister schmeißen sich aber durchaus in die volle Engelsmontur, wenn ihr Schützling sich damit wohler fühlt oder einen klerikalen Fetisch hat.

„Nee, lass ruhig das flusige Federzeug weg“, hab ich ihm gesagt, „ist eh so eng hier und dann muss ich nicht so oft Staub saugen“. Fand er auch.

Mein Herr Schutzgeist hatte es nicht nicht immer leicht mit mir. Eigentlich war immer irgendwas. Und wenn mal nichts war, fiel ein paar frechen Stechinsekten ein, man könne ja mal ein Lüftungsloch mitten durch die Wand direkt in meine Küche fressen. Ich glaube, sie dachten, ich würde mich darüber freuen bei dem heißen Sommerwetter. Meine Freude hielt sich in Grenzen, aber ich bin ein wenig zurückhaltend.

Zugegeben, mein Herr Schutzgeist ist nicht immer der fleißigste, und es gab Zeiten, in denen er seiner Arbeit eher mit einem leisen Zähneknirschen nachging. Das sei normal, sagte er, wer passt schon gerne 24/7 auf so ‘nen Menschling auf? „Ich nich“, hab ich gesagt. Und er nur so: „Siehste.“

In letzter Zeit hatte er immer weniger zu tun. Auch das sei normal, murmelte er. Irgendwann ist so’n Schützling (wemauchimmerseidank) groß und macht weniger Dreck, den man hinterher wegräumen muss. Da war ich fast ein bisschen stolz. „Sie werden so schnell groß“, schluchzte er, und trocknete sich ein Tränchen mit meinem Rockzipfel. Dann fuchtelte er mit seinen Ärmchen herum, ich soll ihm mein Ohr hinhalten. Und dann erzählte er mir, dass er eine schöne Überraschung für mich hat.

Und weil ich eine Zeit lang damit beschäftigt sein werde und er dadurch weniger mit mir zu tun haben wird, hat er sich ein neues Hobby gesucht. Er hat nämlich seinen grünen Daumen entdeckt und wird nun ein paar Blümchen pflanzen gehen. Was er wohl im Winter macht, das werde ich ihn nochmal fragen müssen, wenn er wieder zu Besuch kommt. Ich muss auch noch herausfinden, wie man so verdammt lange einen ganzen grünen Daumen übersehen kann. (Vielleicht sollte er sich öfter die Hände waschen, bevor er zum Schmutzgeist wird, aber das behalte ich lieber für mich)

Er gab mir seine Handynummer, falls es bei mir brennt und er gerade Blumen gießt. Dann kann er gleich mit der Gießkanne kommen. Er ist eben praktisch veranlagt. Leider kann ich seine Schutzgeistsauklaue nicht lesen. Aber er meinte, er wird schon noch ab und zu nachschauen, ob ich noch atme. Das fand ich sehr nett von ihm.

Das mit der Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Bibliothek, in der ich das tolle Praktikum („Von Fastfoodantworten und Menschen„) gemacht hatte, war aber wirklich eine schöne Überraschung.

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die sich die Finger verschwurbelt haben, um mir zu helfen. Vielen Dank an alle, die mir beistanden, mich trösteten und ihre Fühler ausstreckten, um Arbeitgeber für mich zu finden. Danke! 

Melancholie von der Vergänglichkeit des Seins

Manchmal, wenn ich alte Dinge sehe, ergreift mich so ein ganz merkwürdiger, süßlicher Schmerz. Alte Filme, alte Fotos, alte Gebrauchsgegenstände. Alte Tonbandaufnahmen.

Und dann, manchmal, frage ich mich, was für einen Sinn das alles doch hatte. Alles ist vergänglich. Alles verändert sich. Alles verschwindet irgendwann. Wer kennt heutzutage noch die Musik, die vor 100 Jahren populär war? Welche Filme liefen vor 60 Jahren in den Kinos? Wie hat man früher Lebensmittel gekühlt, als es noch keine Kühlsysteme gab?

Und dann denke ich an die unzählen Künstler, die zu allen Epochen lebten und malten. Wofür haben sie gemalt? Die allerwenigsten Bilder werden die Ewigkeit überdauern. Bereits jetzt sind einige Bilder von Van Gogh stark nachgedunkelt.

Die Welt wandelt sich. Alles zerfällt, vergilbt, verschwindet.

Wozu halte ich mir Katzen, wenn sie doch eh irgendwann sterben? Wozu führe ich eine Beziehung, wenn auch dieser Mann irgendwann sterben könnte, oder ich, oder diese Beziehung vorher schon zerbrechen könnte?

Und als Künstlerlein frage ich mich auch: Wozu sind die Dinge, die ich mache? Wer wird sich an sie – an mich! – erinnern, wenn ich in der kalten Erde liege? Wer wird meine Worte dann noch lesen, meine Bilder dann noch betrachten, wenn ich nicht berühmt geworden bin wie so manch anderer? Was bleibt übrig von mir in einer Welt, in der die Dinge immer mehr voranschreiten, immer mehr hinfortlaufen in eine Zukunft, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird?

Und dann frage ich mich: Wozu nehme ich einen Pinsel in die Hand?

Ich lächle und sage: Für den einen kleinen Funken geliebten Lebens, den ich verspüren kann, in jedem Wimpernschlag. Wenn ich es nur zulasse.

Es ist egal, was übrig bleibt von mir oder den Welten in meinem Inneren, wenn ich irgendwann einmal nicht mehr bin. Es ist egal, ob danach noch irgendwer Wert findet in meinen Überresten.

Für mich, jetzt hier, in diesem Augenblick, hatte alles seinen Sinn, hatte alles seine Sinnhaftigkeit, hatte alles seine Gründe und Zusammenhänge.

Und das alles hatten auch die Dinge, die längst verblasst und verschwunden sind. Irgendwann, irgendwo, hat irgendein Menschlein seinen Moment erlebt. Auch wenn die Bilder verblasst und die Klänge erloschen sind.

Vielleicht ist das der Sinn all dieser alten, verschwindenden Dinge. Uns zu zeigen, dass es mal etwas gab, das verschwunden ist. Und dass es ein „Morgen“ gibt. Ein Weitergehen. Ein Wiederfinden.

Irgendwann hat irgendjemand irgendetwas oder irgendjemanden unbändig geliebt.

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